Subjektive Fotografie
Das optische Wagnis

Die Subjektive Fotografie ist eine ästhetische Haltung, die Künstler auf der ganzen Welt miteinander verbindet. Deshalb ist sie immer noch für Entdeckungen gut. Auch preislich hat sie Potential nach oben. Daran erinnert eine Doppelausstellung bei Kicken Berlin.
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BerlinBeinahe wäre Rudolf Kicken Fotograf geworden. Bei Otto Steinert an der Folkwang Schule in Essen, Deutschlands erster Adresse für die Fotografen-Ausbildung, war er Anfang der 1970er-Jahre vorstellig geworden. Doch der ebenso berühmte wie gefürchtete Lehrer riet ihm, zuerst nach Amerika zu gehen und seine Ansichten über die Fotografie am renommierten George Eastman House in Rochester zu überprüfen. Das war ein Glück für den deutschen Kunstmarkt, denn die amerikanischen Erfahrungen führten dazu, dass Kicken Galerist  wurde, und zwar einer der führenden und leidenschaftlichsten der Zunft.

Die Früchte des ambitionierten Galeristen treten mit jeder seiner musealen, schön gehängten Ausstellungen ans Licht, zuletzt mit der „Subjektive Fotografie“, deren zweiter Teil zurzeit in den neu errichteten Räumen von Kicken Berlin auf der Linienstraße zu sehen ist. Die Ausstellung umkreist die von Steinert inspirierte, aus der Gruppe „fotoform“ hervorgegangene Avantgarde der Jahrhundertmitte und ihre internationale Strahlkraft. Dabei legen Annette und Rudolf Kicken den Schwerpunkt auf die abstrakten Tendenzen der Bewegung.

Parallelen zur abstrakten Malerei

Die Konzentration auf die nicht figurativen Schöpfungen erinnert daran, dass sich die Subjektive Fotografie parallel mit der abstrakten Malerei der Nachkriegszeit entfaltete. Sie war das Gegenprogramm zur diskreditierten Wirklichkeitsvermittlung des Nationalsozialismus und zur konventionellen angewandten Fotografie, zwar auf die Wirklichkeit bezogen, jedoch ohne erzählen oder reportagehaft dokumentieren zu wollen. Eine Anknüpfung an die Errungenschaften des Neuen Sehens in den zwanziger, dreißiger Jahren, jedoch freier, poetischer und nicht selten surrealistisch inspiriert.

So fängt Steinert 1956 mit langer Belichtungszeit die windbewegten Bäume vor seinem Fenster ein (50.000 Euro), während der gebürtige, nach Brasilien ausgewanderte Katalane Marcel Girò um 1950 ein dicht über einer Wasseroberfläche stehendes Gewirr von Grashalmen fotografiert. Was im Gegenlicht wie eine temperamentvolle Zeichnung (14.000 Euro) anmutet, hat seine Analogie in dem furiosen Gekritzel, das der Amerikaner Harry Callahan zur selben Zeit in Chicago auf einer Mauer vorfand (35.000 Euro).

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Höhenflüge und Abstürze

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