„Superkapitalismus“
Wir sind alle Komplizen

Robert Reich, Arbeitsminister unter Präsident Bill Clinton, kehrt mit seinem neuen Buch zu seinem alten Thema zurück: den Auswirkungen der Globalisierung auf die amerikanische Gesellschaft. In „Superkapitalismus“ schildert er unsere schizophrene Interessenlage.

BERLIN. Robert Reich leidet nicht unter mangelndem Selbstbewusstsein: „The Work of Nations“ nannte er 1991 sein globalisierungskritisches Werk, mit dem er vielen Nachahmern um Jahre voraus war. Mit dem Titel stellte er sich in eine Reihe mit Adam Smiths „The Wealth of Nations“, einem der wichtigsten Werke der Wirtschaftsgeschichte.

Diese Messlatte musste er reißen. Aber immerhin fanden sich interessante Thesen wie die, dass künftig nur noch rund 20 Prozent der Beschäftigten wachsende Einkommen genießen und die US-Gesellschaft deshalb ihren sozialen Zusammenhalt verlieren werde. Zunehmende Einkommensdifferenzen sind gerade heute eines der heißesten Themen in Deutschland.

„The Work of Nations“ hatte trotz manch düsterer Prophezeiung einen angenehm unaufgeregten Ton, verzichtete auf eine billige Anti-Wirtschafts-Rhetorik. Das trifft auch auf „Superkapitalismus“ zu. Reich wendet sich gegen die Vorstellung, große Konzerne würden immer mächtiger und könnten die Märkte dominieren: In Wahrheit habe der Wettbewerb stark zugenommen und große Unternehmen seien ihm heute viel stärker ausgeliefert als vor Jahrzehnten, agierten konkurrenzorientierter und innovativer: „Von diesem Wandel haben wir als Verbraucher und Anleger sehr profitiert.“ Da ist es nur folgerichtig, dass er sich über das „Märchen“ mokiert, es gebe eine weltweite neoliberale Verschwörung zur Unterjochung der Arbeitnehmer und der Dritten Welt. Dem hält er entgegen, dass Unternehmen immer die Aufgabe haben, gute Produkte möglichst billig herzustellen – und nur dies könne man von ihnen erwarten.

Deshalb ist es für Reich auch unsinnig, in einer verbesserten Corporate Governance oder größerer sozialer Verantwortung von Konzernen eine Lösung für die Probleme zu sehen, die er als die gefährliche Seite des Superkapitalismus ansieht: einen Verlust an demokratischer Steuerung, an wirtschaftlichem und sozialem Ausgleich, kurz: an Rechten und Handlungsmöglichkeiten des Bürgers. Als Verbraucher und Anleger hätten die Menschen gewonnen, als auf das Gemeinwohl angewiesene Bürger dagegen massiv verloren, lautet die Diagnose von Reich, und die unterscheidet sich angenehm von primitiver Globalisierungskritik, wenngleich sie für ökonomisch interessierte Leser nicht sonderlich überraschend ist.

Für Reich sind „die Institutionen des demokratischen Kapitalismus verschwunden“, die früher für einen Ausgleich unterschiedlicher Interessen gesorgt hätten. Er behauptet sogar, dies sei weltweit geschehen. Diese pauschalierende und oberflächliche Behandlung des komplexen Verhältnisses von Politik und Wirtschaft und der doch sehr unterschiedlichen europäischen und amerikanischen Kapitalismusformen ist enttäuschend. Hier verfällt Reich in den apokalyptischen Stil, den er ansonsten kritisiert.

Nimmt man die These ernst, dass wir als Verbraucher und Anleger selbst für den Druck auf Löhne und Sozialstandards verantwortlich sind, den Großunternehmen wie Wal-Mart flächendeckend ausüben und unter dem wir selber leiden, fragt man sich natürlich: Was soll Abhilfe schaffen? So detailliert und interessant Reichs Schilderung unserer „Komplizenschaft“ ist, so unbefriedigend sind seine Ansätze zur Therapie: es müssten Gesetze her, die „sicherstellen, dass unsere Anlagen und Käufe nicht nur eine persönliche, sondern auch eine gesellschaftliche Einstellung widerspiegeln.“ Das ist eine Aufgabenbeschreibung, aber keine Lösung – vielleicht hebt Reich sich die fürs nächste Buch auf.

Robert Reich: Superkapitalismus; Campus, Frankfurt 2008, 328 Seiten, 24,90 Euro

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris
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