Surreale Verrücktheit der jüngsten Geschichte
Ein Haarschnitt für den Asset Manager

Don DeLillo genießt Kultstatus. In seinem neuen Werk „Cosmopolis“ widmet er sich dem Wahnsinn der Börsen zu Zeiten der New Economy. Ein Tag im Leben eines Devisen-Zockers wird zum bösen Sinnbild einer aus den Fugen geratenen Welt – und zur Pflichtlektüre der Finanz-Szene.

Manchmal sind es die kleinen Entscheidungen, die einen Tag zur Hölle machen können. Für Eric Packer reichte ein Blick in den Spiegel: „Er wusste nicht, was er wollte. Dann wusste er es. Er wollte sich die Haare schneiden lassen.“

Doch ein Haircut ist in der Welt der Wall Street eben auch ein Spitzname für einen großen finanziellen Verlust. Und auf den steuert Eric Packer, der Antiheld in Don DeLillos neuem Roman „Cosmopolis“, zu.

Packer ist 28 Jahre alt und als Asset Manager zu einem gewaltigen Vermögen gekommen. Seit einiger Zeit ist er auf der Suche nach einem Muster, mit dem sich Geldbewegungen prognostizieren lassen: „Es musste einen Erklärungsansatz für den Yen geben.“ Den hat er nicht gefunden – stattdessen hat er einen bösen Haircut kassiert: Devisengeschäfte brachten ihn binnen Stunden beinahe um sein gesamtes Vermögen.

Da muss ein Haarschnitt die Laune wieder aufbessern. Doch der Friseur liegt im Westen der Stadt. Und so wie sich die amerikanischen Siedler einst gen Westen aufmachten, um ein neues Leben zu finden, so wird die Fahrt in der Stretch-Limousine Packers Leben verändern. So unspektakulär sich dieses Vorhaben ausnimmt, so atemberaubend ist das, was Don DeLillo daraus macht.

„Kein amerikanischer Autor ist besser eingestimmt auf die surreale Verrücktheit der jüngsten Geschichte als DeLillo“, meint die „New York Times“. Und so verwundert es nicht, dass sich der Sohn italienischer US-Immigranten in seinem dreizehnten Roman der Verrücktheit des Börsen-Hypes widmet. DeLillos böse Bestandsaufnahmen der amerikanischen Gesellschaft brachten ihm bereits den Vorwurf des Anti-Amerikanismus ein.

DeLillo macht den Wahnsinn fest an einem einzigen Tag im April 2000, an dem die Finanzmärkte zusammenbrechen, dem Tag, an dem Packers Kontostand nach unten rast, den Tag seines Haircuts. Das Grauen kommt langsam: In seiner Limousine empfängt Packer seine Finanzberaterin, unterzieht sich dem täglichen ärztlichen Check, bei dem eine Asymmetrie der Prostata diagnostiziert wird, und verfolgt die Entwicklungen an den Finanzmärkten.

Auf dem Weg zum Friseur – die Straßen sind wegen eines Präsidentenbesuchs verstopft – wird er Zeuge einer Antiglobalisierungsdemo und gerät in den Trauerzug für einen Kult-Rapper. Als er dann dem berüchtigten Tortenattentäter vor dessen Wurfgeschoss läuft und seinem ehemaligen Angestellten begegnet, der ihn töten will, geht es längst um existenziellere Dinge als einen Haarschnitt.

DeLillo zeichnet in bitterbösen, grotesken Episoden das Bild eines paranoiden, technikbesessenen Börsenjunkies. „Körperlich cool, so elegant und silberverziert und bleich wie eine weiße Stretch-Limo“, urteilt Star-Autor John Updike im „New Yorker“ über „Cosmopolis“. Zu den Bewunderern DeLillos zählen aber auch Jonathan Franzen, Brett Easton Ellis und Jeffrey Eugenides.

Bemerkenswert: Wer hinter dem Autor von „Cosmopolis“ einen Technikgegner vermutet, der irrt. DeLillo ist ein Bewunderer moderner Technologie. Allerdings nicht ohne Einschränkungen: Er nennt zwar einen Computer sein eigen, benutzt diesen jedoch nicht. Er bekennt sich zur Sinnlichkeit seines Arbeitsgerätes: einer alten Olympic Reiseschreibmaschine.

Ebenso vehement lehnt er E-Mails als Kommunikationsform ab. Die Gefühlslage beim Abfassen einer Mail sei nun einmal eine andere, als bei einem persönlichen Gespräch, sagt er in einem seiner raren Interviews. Gerade diese Distanz ermöglicht es DeLillo, eine aus den Fugen geratene Welt brillant festzuhalten.

Ihm genügt ein Tag im Leben eines Besessenen, um ein unwiderstehliches, intelligentes und atmosphärisch dichtes Porträt einer kurzen, aber wilden Zeit zu entwerfen. Und so dürfte „Cosmopolis“ nicht nur an den internationalen Börsen als sicherer Tipp gehandelt werden.

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