Tabus in der Kunst
Die Rolle des nackten Jünglings

Am jugendlichen Akt ist nichts Verwerfliches, fanden schon die alten Griechen und findet Sebastian Edathy. Doch diese Sichtweise änderte sich im Laufe der Zeit. Ein Streifzug durch die Rolle des Jünglings-Aktes.
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DüsseldorfAktdarstellungen von jungen Männern kennt die Kunstgeschichte seit den frühen Hochkulturen von Sumer, Ägypten, Indien, Griechenland und Kreta. Da hat Sebastian Edathy recht. Der mit Kinderpornografie-Vorwürfen hat sich jetzt bei Spiegel Online umfangreichend gerechtfertigt und betont: „Ich bin nicht pädophil. In der Kunstgeschichte hat der männliche Akt, auch der Kinder- und Jugendakt, eine lange Tradition. Man muss daran keinen Gefallen finden, man darf es aber.“

Körperliche und geistige Vollkommenheit schilderten die Griechen tatsächlich vorzugsweise an Hand von männlichen Aktmodellen, war doch der männliche Bürger das Urbild der Polis.

Die Steinskulpturen des schreitenden, stolzen Apoll von Tenea (550 v. Chr.) oder des Kuros aus Finikia (540 v. Chr.), die Bronze des nur in Kopien überlieferte Lanzenträgers von Polyklet (440 v. Chr.) sind alles antike Heroen. Ihr jugendlicher, sportlich trainierter, makelloser Körper reflektiert die ethische Norm der männerorientierten Polis, in der Knabenliebe nichts Verwerfliches war.

Das hat sich mit dem Siegeszug des Christentums stark geändert. Moral und Askese überdeckten im Mittelalter die Sinnenfreude, die ein unbekleideter, wohl gebauter Körper und sein stilisiertes Gemächt ausstrahlen.
Erst in der Renaissance konnten sich Künstler dem Naturstudium des menschlichen Körpers einigermaßen frei zuwenden.

Donatellos Steinskulptur des knabenhaften „David“, der den Riesen Goliath nur mit einer Steinschleuder besiegt hatte (1430), haftet durch die Nacktheit nicht nur Ursprünglichkeit an, sondern auch Humanität, Zerbrechlichkeit und Schutzbedürftigkeit. Der in Florenz aufbewahrte „David“ gilt als die erste naturwahre männliche Aktfigur der Neuzeit.

Um die Wende von 19. zum 20. Jahrhundert entdeckte Wilhelm von Gloeden eine Marktlücke. Der Mecklenburger stellte fest, dass auf Sizilien ein unverkrampftes Verhältnis zur Nacktheit herrschte und Kinder in der Öffentlichkeit auch nackt herum liefen.

Knaben mit Amphore und Lorbeerkranz – aber ohne Kleidung

Da begann der offen homosexuell lebende, gut betuchte von Gloeden im armen Taormina zunächst als Hobbyfotograf, später dann auch professionell, Knaben in antiken Stettings, mit und ohne Amphore oder Lorbeerkranz, abzulichten.

Diese Aktbilder von Knaben, die als antike Jünglinge posieren, fanden als Postkarten und Bücher reißenden Absatz. Wiederentdeckt wurden sie von der Schwulenbewegung in den 60er-Jahren. Künstler wie Robert Mapplethorpe, selbst berühmt für seine inszenierten Männerakte, Andy Warhol und Cecil Beaton sammelten von Gloedens erotisierende Lichtbilder.

Kunst schert sich nicht um Tabus, will Grenzen des (guten) Geschmacks überwinden. Künstlerische Aktfotografie ist stets, wie alle andere Kunst, Ausdruck der Gesellschaft, in der sie entsteht. Kinderschutzgedanken, wie wir sie heute haben, standen damals noch in den Sternen.

Kommentare zu " Tabus in der Kunst: Die Rolle des nackten Jünglings"

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  • Was ist eigentlich daran anders wenn diese Fotos hier abgebildet werden, als wenn Edathy sie sich auf sein Labtop lädt?

  • Ich vermisse den Hinweis auf die zahlreichen Gemälde in Kirchen.

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