Tacita Dean
Festhalten, was entschwindet

Tacita Dean hält mit dem Zeichenstift und der Filmkamera fest, was verschwindet: betagte Künstler im Atelier oder bei einer Ballett-Probe. Nichts für den schnellen Konsum, eher etwas zum Genießen und Nachklingen lassen.
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Wien„Für mich ist das Filmemachen mit dem Gedanken von Verlust und Verschwinden verbunden“, gesteht die britische Künstlerin Tacita Dean freimütig. Dieser Umstand kommt in ihrer Ausstellung „The Line of Fate“ im Wiener Museum Moderner Kunst (Mumok) perfekt zum Ausdruck, etwa in ihrem Langfilm „The Craneway Event“. Dafür filmte Dean 2008 den Choreografen Merce Cunningham bei Proben seiner Tanzkompanie; noch bevor die 1965 geborene Künstlerin den Schnitt fertig gestellt hatte, verstarb der weltberühmte Protagonist.

Der 16mm-Film lebt von der Energie des 89-Jährigen ebenso wie von dessen Konzentration; von seinem Rollstuhl aus dirigiert er in einer weiten Halle, deren riesige Glasfront einen spektakulären Blick auf die Bucht von San Francisco freigibt, die Bewegungen der Tänzerinnen und Tänzer. Momente von besonderer Kraft entstehen dort, wo deren Drehungen und Sprünge von vorbeifahrenden Schiffen hinterfangen werden.

„Ich habe drei Tage lang mit Cunningham gearbeitet, in diesem unglaublichen Raum, mit der Bucht und dem sich ändernden Licht im Hintergrund, es war außergewöhnlich“, erinnert sich Dean, die sich demnächst erneut mit einem grandiosen Raum auseinandersetzen wird – nämlich mit der Turbinenhalle der Londoner Tate Modern.   

Dean geht es in allen Arbeiten um die Zeit. Die Intensität und Langsamkeit, mit der Tacita Dean die Tänzer filmt (108 Minuten) unterscheidet den Film einer Künstlerin von einem Dokumentarfilm. Ein an Wissensvermittlung interessierter Doc-Regisseur hätte wahrscheinlich versucht die Vor- und Nachbereitungen der Probe einzufangen, oder die Protagonisten zu befragen.  

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