Tanz
Pornographie der Seelen

Der Choreograph Dave St.-Pierre beim Tanzfestival Movimentos in Wolfsburg: Er zeigt das, was wir unter der Bettdecke verstecken.

"Keine Konzessionen“ – darauf hatte Dave St.-Pierre seine jungen Tänzer und Schauspieler eingeschworen. Diesmal wollte er wirklich bis an die Scham- und Schmerzgrenze gehen. Doch kurz vor der Premiere kamen dann drei Tänzerinnen und sagten: „Dave, wir können diese Szene nicht machen!“

Die fragliche Szene in seinem Tanzstück „La Pornographie des Âmes“ („Die Pornographie der Seelen“) ist ungewöhnlich. Nackt und hochhackig stöckeln die Frauen bis an den Bühnenrand – in ihrer selbstbewussten Haltung erinnern sie an die „Big Nudes“ des Fotografen Helmut Newton.

Die Tänzerinnen heben ein Bein in die Höhe - eine Ballerinenpose, die hier ins Skandalöse kippt. Lange verharren sie in dieser gewagten Haltung, provozieren schamlose Blicke – und halten ihnen stand. Die Szene ist von schockierender Offenheit. Sie zu entschärfen kam für St.-Pierre nicht in Frage. Also verfiel er auf eine andere Lösung. Drei Männer eilen herbei und halten schwarze Balken vor die weibliche Blöße.

So doppeldeutig wie diese Aktion ist das ganze Stück: Die Körper werden offensiv ausgestellt – gleichzeitig macht der Choreograph die Tabus sichtbar, gegen die er seine Tänzer antanzen lässt. Damit ist dies wahrscheinlich die einzige Tanztheater-Aufführung mit schwarzen Balken. Mit seinem Skandalstück gastiert der kanadische Choreograph Dave St.-Pierre am 23. und 24. Mai beim Tanzfest Movimentos in Wolfsburg. Sein Stück wird Furore machen. Denn die Seelenpornographie geht unter die Haut.

Heute Morgen dagegen, zum Gespräch, sitzt Dave St.-Pierre, das „Enfant terrible“ des kanadischen Tanzes, brav in einem Restaurant in der Mont Royal Street inmitten des lebhaften Szeneviertels von Montréal. Hier tragen die Straßen die Namen von Heiligen wie St.Pierre – Schutzheiliger und Choreograph zugleich der nackten Seelen. Sein Lieblingssatz lautet: „Go for it“. Oder: „Wenn du Lust hast auf etwas Neues – tu's einfach.“

Go for it – so feuerte er auch seine Truppe an. Denn dieses Stück sollte einschlagen. Allerdings entsprang „La Porno“ – so seine Kurzform weniger einem Karrierekalkül, sondern innerer Notwendigkeit: „Ich war damals fertig mit der Welt und mit der Liebe. Dieses Stück ist wie ein Schrei.“ Natürlich kommen manche Zuschauer wegen der dargebotenen Nacktheit, sagt der Choreograf: „Nicht der nackte Körper ist das Skandalon. Wir zeigen unsere Seele – das ist das eigentlich Skandalöse.“

Sein Stück ist eine Schule der Nackten, welche die Zuschauer lehrt, den Körper neu und immer anders zu sehen. Zugleich erwartet den Zuschauer eine emotionale Schwerarbeit. „Pornographie bedeutet für mich all die Empfindungen, die wir nicht zeigen wollen. All das, was wir am liebsten unter dem Bett verstecken würden.“

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