„Tatort“-Klischees
Am Ende ist der Unternehmer der Bösewicht

Er schläft mit Opfern, ist in dubiose Finanzgeschäfte verwickelt und tötet alle, die Lunte riechen: Der Unternehmer kommt im „Tatort“ schlecht weg. Solche Klischees könnten die Krimireihe auf Dauer Zuschauer kosten.
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DüsseldorfAm „Tatort“ herrscht Massenandrang. Kaum eine Woche, in der nicht irgendeine Quotenerfolgsmeldung die ARD verlässt. Kaum hatte Til Schweiger mit seinem „Tatort“-Debüt 12,6 Millionen Zuschauer angelockt und damit den besten „Tatort“-Wert seit 20 Jahren erreicht, da legten die Münsteraner Kommissare aus derselben Reihe noch gut 200.000 drauf. So viele Zuschauer versammeln sich vor dem Fernsehapparat sonst nur noch bei Fußballspielen. Der „Tatort“ gehört damit eindeutig zu den letzten verbliebenen Lagerfeuerveranstaltungen.

Die öffentlich-rechtlichen Krimis bieten am Sonntagabend Gesprächsstoff, der sich am Folgetag im Büro nutzen lässt. Sie prägen aber auch mit nicht zu unterschätzender Wirkung das öffentliche Bild mancher Berufsgruppen. So wirkt es, als müssten Kriminalermittler privat stets einen an der Waffel haben, als hätten Journalisten nichts anderes zu tun als sich am Absperrband der Polizei zu versammeln, und wenn ein Unternehmer auftaucht, dann taugt er im „Tatort“ höchst selten als Sympathieträger.

Sehr oft hat er irgendwie Dreck am Stecken. Er schläft oft mit späteren Opfern, ist in dubiose Finanztransaktionen verwickelt, schädigt die Umwelt und tötet natürlich alle, die Lunte riechen. Oder er ist als Chef einer Unternehmer-Dynastie Schwulenhasser und verachtet seinen eigenen Sohn. So war es zumindest in der ersten Folge des Dortmunder „Tatort“ zu sehen.

Natürlich sind Beschreibungen des Unternehmerbildes im „Tatort“ genauso sehr Klischee wie in den Filmen selbst. „Man muss die Hintergründe im Genre Krimi manchmal auch sehr vereinfacht zeichnen“, sagt Gebhard Henke. Der WDR-Fernsehfilmchef ist in der ARD als Koordinator für den „Tatort“ tätig.

Er weiß Jahre vorher, wer wann und wo von wem ermordet wird. Dass dabei auch mal ein Unternehmer als Bösewicht herhalten muss, liegt für ihn in der Natur der kriminellen Sache. „In unserer sozialkritischen Tradition ist das Verbrechen oft oben eingeordnet, nicht so sehr bei den kleinen Leuten.“ Dann seufzt er kaum hörbar und beschreibt die Not der Kreativen am „Tatort“. „Man muss immer einen finden, der böse ist.“

Sehr schön auf die Schippe genommen haben das die Macher des satirischen Medienmagazins „Walulis sieht fern“, als sie vor zwei Jahren den „typischen Tatort in 123 Sekunden“ drehten. In dem ist in zwei Minuten zu sehen, was ein solches Sonntagabendevent typischer Weise ausmacht. „Sag mal. Haben wir schon ein Thema von gesellschaftlicher Relevanz?“, fragt da der Assistent mittendrin seine Chefin, und die kontert geschickt. „Du meinst den verkrampften sozialkritischen Einschlag? Kommt jetzt. Atomlobby.“

Kurz danach sitzt sie ganz oben in einem futuristischen Hochhaus aus Glas einem gelackten Typen gegenüber, der wissen will, warum sie ihn eigentlich verdächtigt. „Weil das den Zuschauern gefällt“, sagt die Kommissarin, und der in die Enge Getriebene kommt ins Grübeln. „Sie meinen den Gedanken, dass die da oben auch niedere Triebe haben?“, fragt er, und schon hat die hübsche blonde Kriminale wieder das Wort: „Genau. Verbindung in die Politik, skrupellos, geldgeil.“ Den Einwand des Unternehmers, dass das alles schon sehr stereotyp sei, kontert die Frau mit betonter Lässigkeit. „Ich nehm' Sie trotzdem fest.“

Gut 650.000 Mal wurde der Videoclip inzwischen angeschaut, und die drumherum gebaute Sendung bekam im vergangenen Jahr sogar einen Grimme-Preis für außergewöhnliches Fernsehschaffen. Der Erfolg zeigt zusätzlich, wie sehr der „Tatort“ die Massen fasziniert.

Bei der ARD ist man vor allem glücklich darüber, dass man mit den 1,3 bis 1,6 Millionen Euro teuren Produktionen neuerdings regelmäßig eine ansonsten eher vernachlässigte Zielgruppe erreicht: Menschen unter 50 Jahren. Die treffen sich inzwischen sonntags in Lokalen, aber auch privat zum „Tatort“-Rudelgucken und machen sich teilweise lustig über das, was sie sehen. Manchmal ärgern sie sich auch. Aber sie gucken.

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Am Ende ist der Unternehmer der Bösewicht

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„Warum muss man das Klischee so einfach und dämlich machen?“

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  • Klar, die Privatsender, die solche genialen "Formate" wie GZSZ, DSDS und GNTM erfunden haben, sind natürlich viel kreativer. Das Einzige, was ich den ÖR vorwerfe, ist, dass sie sich teilweise mit den Privaten auf einen Konkurrenzkampf um das niedrigste (!) Niveau eingelassen haben.

  • Stimmt! Geht mir genauso.

    Wenn ich könnte, würde ich im nächsten Leben Frauenbeauftragter, Migrationsexperte oder Ethikrat.

  • Nein, leider durchschauen das schätzungsweise 80% der Zuschauer eben nicht und nehmen so die entsprechenden rotgrünen Klischees in ihr Weltbild auf.

    Der Ethikrat mit Waldorf-Kindergarten-Erziehung ist nie der Mörder!

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