Tattoo-Skandal
Scharfe Debatte um Rückzug von russischem Opernsänger

Es ist ein Theater vor der Oper aus Kritik und Gegen-Kritik: Die Chefinnen reagieren nun auf die Vorwürfe, der erzwungene Rücktritt des Sängers Nikitin wegen seiner als Nazi-Symbole deutbarer Tattoos sei „verlogen“.
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Bayreuth/DüsseldorfSpektakulär war das, was die Chefinnen der Bayreuther Festspiele zum anstehenden Spielplan verkündet haben: Tenor Klaus Florian Vogt wird bei den Bayreuther Festspielen 2016 wird er in einer Neuinszenierung der Oper „Parsifal“ die Titelpartie singen, sagte die Festspielchefinnen Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier am Mittwoch wenige Stunden vor der Eröffnung der diesjährigen Festspiele.

Vogt singt in diesem Jahr den Schwanenritter in „Lohengrin“. Zusammen mit Annette Dasch als Elsa bildete er schon im Vorjahr das Bühnen-Traumpaar von Bayreuth.

Doch überschattet wurden die Spielplan-Neuigkeiten weiter vom Skandal um die umstrittenen Tätowierungen des russischen Sängers Jewgeni Nikitin, der daraufhin seine Titelrolle im „Fliegeneden Holländer“ abgegeben hatten. Offenbar ist Nikitin allerdings doch keine Persona non grata in Bayreuth.

Die Festivalleitung warte noch auf eine befriedigende offizielle Entschuldigung, so heißt es zumindest. Bislang hat sich Nikitin erst in einem ersten Interview mit der Deutschen Welle offiziell zur Sache geäußert. „Ich bin ein Künstler, kein Neonazi", sagte er darin.

Ein angebliches Hakenkreuz auf seiner Brust hatte er mit einem bunten Symbol überstechen lassen. Zu den auch in Neonazi-Kreisen benutzten Runen auf seinem Oberkörper und zu dem von der Hitlerjugend wie den Reichsführerschulen verwendeten Tyr-Symbol äußerte er sich dagegen nicht. Das Symbol ist erst auf den neueren Fotos zu sehen, noch nicht allerdings auf dem Video von 2007. In einem Gespräch mit dem Regisseur Jan Philipp Gloger hat Nikitin laut Gloger geleugnet, gewusst zu haben, dass seine Tattoos eine nationalsozialistische Konnotation haben.

Der 38-jährige Russe hatte am Samstag - vier Tage vor der Eröffnungspremiere - auf Druck der Festspielleitung die „Holländer“- Titelpartie zurückgegeben. Zuvor war bekanntgeworden, dass er sich in seiner Jugend als Mitglied einer Heavy-Metal-Band Tätowierungen mit nationalsozialistischen Zeichen auf den Oberkörper stechen ließ. Die jüngsten Fotos und Videos, die den 38-Jährigen mit nacktem Oberkörper und seinen Tattoos zeigen, sind aber erst wenige Jahre alt. Die Tattoos nannte er am Wochenende einen „großen Fehler".

Nach diesem erzwungenen Rückzug reißt die Kritik an Sänger und an Festival-Management der Festspiele sowie Gegenkritik nicht ab. So hat der Intendant der Bayerischen Staatsoper, Nikolaus Bachler, die Wagner-Familie scharf angegriffen. Er sehe im Fall Nikitin „zunächst mehr ein Problem Bayreuths und der Wagner-Familie als eines des Sängers", erklärte Bachler in München.

„Dass die Torheit eines 16-jährigen Rocksängers, der diese längst bereut und versucht hat, ungeschehen zu machen, ausgerechnet nun von der Wagner-Familie geahndet wird, finde ich verlogen." Bachler betonte dagegen die bereits längst feststehende Verpflichtung des umstrittenen Opernstars mit der dunkeln Vergangenheit: Im November wird Nikitin als Friedrich von Telramund in „Lohengrin" in der Bayrischen Staatsoper auftreten.

Kommentare zu " Tattoo-Skandal: Scharfe Debatte um Rückzug von russischem Opernsänger"

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  • Die Moral der reinen Äußerlichkeit ist mindestens ebenso fragwürdig, wie die frühere Anbiederung an useriöse Machthaber.
    Im Kern ist es dasselbe, Anpassung am politischen Mainstream, egal wie blöd oder inmhaltsleer, im Zweifel sogsar gefährlich, das sein mag.

    H.

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