Teil 2
Lesefutter für den Strand II

Wir haben die schönsten, unterhaltsamsten, wichtigsten, traurigsten, bewegendsten oder einfach die besten Bücher zusammengetragen. Gehen Sie mit uns auf die Reise durch die Ferienliteratur. Lesen Sie, genießen Sie und tauchen Sie ein in die wunderbare Welt der Bücher. Wir wünschen Ihnen viel Spaß und gute Erholung!

Schiffbruch mit Tiger

Dieses Buch ist ein Glücksfall – gleichwohl der Stoff sicher nicht glücklich macht: Pi Patel ist der Sohn eines indischen Zoobesitzers und praktizierender Hindu, Christ und Muslim in einem. Er erleidet Schiffbruch. Treibt auf dem Meer. Zusammen mit einer Hyäne, einem Orang-Utan, einem verletzten Zebra – und einem bengalischen Tiger. Dieser hat bald alle an Bord zerfleischt. Außer Pi Patel. Nacherzählen lässt sich das, was nun folgt, nicht. Freilich ist klar, dass Patel überlebt. Schließlich hat er das Geschehene aufgeschrieben. Doch was ist halluziniert, phantasiert? Was ist real? Vielleicht auch gelogen? Oder gibt es nicht immer eine Geschichte hinter der Geschichte? Die Odyssee auf dem Meer ist grausam und zärtlich, sie ist wundersam bis philosophisch, explosiv und von meditativer Stille. Außerdem von auffallender sprachlicher Akkuratesse. Yann Martell hat ein majestätisches Buch geschrieben.

Thomas Ludwig

Machenschaften eines Starjournalisten

Auf den ersten der 360 Seiten flaniert Georges Duroy, ein ehemaliger Husar, abgebrannt und einsam mitten durch Paris. Am Ende heißt er Du Roy de Cantel, hat zweimal reich geheiratet und blickt einer Politikerkarriere entgegen. Sein Kapital: Er sieht gut aus und hat Erfolg bei allen Frauen. 1885 veröffentlicht, ist der Longseller „Bel Ami“ viel mehr als die Vivisektion der bürgerlichen Gesellschaft der 3. Republik. Guy de Maupassant zeichnet in dem brillant geschriebenen, von feiner Ironie durchzogenen Roman Duroys Aufstieg zum Starjournalisten nach. Skrupellos instrumentalisiert der Held seinen Freund Forestier wie seine verschiedenen Geliebten. Der machthungrige Egomane weiß zu bluffen und „sich ein Air zu geben“. Scharfsinnig breitet Maupassant die gesellschaftlichen Rituale und zugleich Duroys innerste Phantasien vor dem Leser aus. Der auflagenstarke Roman hat nichts von seiner Aktualität verloren: Die Intrigen, Gemeinheiten und Machtspiele sind auch in der Dotcom-Gesellschaft noch dieselben.

Susanne Schreiber

Im Spiegelkabinett der Fiktion l

Ein mysteriöses Notizbuch bringt die Wende. Denn mit seinem Kauf ist die Schreibblockade des Schriftstellers Sidney Orr überwunden. Eine Anekdote aus Hammetts „Malteser Falken“ wird Ausgangspunkt eines Kreativitätschubs, der den Leser verwickelt in ein Gewebe abgründigster Geschichten, die einander spiegeln und in denen die Grenzen zwischen Fiktion und Realität aufgehoben scheinen. Orrs literarischer Protagonist, der Verlagslektor Nick Bowen, erkennt, dass sein Leben in der Sackgasse gelandet ist. Er steigt aus. Seine Reise findet ein albtraumhaftes Ende in einem Bunker, wo Ed Victory ein Büro für Geschichtspflege etabliert hat, dessen Bibliothek aus einer Sammlung von Telefonbüchern besteht. „Pop-Kafka“ Paul Auster führt den Leser in ein literarisches Spiegelkabinett, in dem nichts ist, wie es scheint. Und selbst Leser, die sich literarisch von einer Sackgasse in die andere geführt wähnen, werden einräumen, kunstvoll in die Irre geführt worden zu sein.

Dietmar Michels

Retten, was zu retten ist

Haben Sie Ihren Zivildienst vielleicht als Rettungssanitäter bei den Johannitern oder beim Roten Kreuz gemacht? Wahrscheinlich nicht. Ich selbst aber hatte dieses zweifelhafte Vergnügen. Was daran so zweifelhaft ist, wissen Sie spätestens nach der Lektüre von „Rette mich ein bisschen“ von Jörg Thadeusz. Keine Angst. Auch wenn auf dem Cover „ein Sanitäter-Roman“ steht: Das ist kein Selbsterfahrungsbericht für „Insider“. Es geht um Leben und Tod im ganz und gar praktischen, aber auch alltagsphilosophischen Sinne. Es geht um den alltäglichen und skurrilen Wahnsinn im Berufsalltag des knapp 30-jährigen Sanitäters Gunnar und seinen eher mäßigen Erfolg bei Frauen. Nicht zuletzt geht es hier also auch um Liebe und Erotik. Vor allem aber ist es der schwarze, sarkastische und hintergründige Humor, mit dem sich der Radio- und Fernsehmoderator Jörg Thadeusz einen Namen gemacht hat. Diese Art von Humor erhebt das Buch sicherlich nicht zur hohen Literatur, aber zu einer leichten und durchaus vergnüglichen Urlaubslektüre. Es sei denn, man neigt während längerer Reisen und beim Anschauen blutender Wunden zur Übelkeit.

Thomas Luther

Vergessene Bücher

Weder Spitzenplätze auf Bestseller-Listen noch Elke Heidenreichs Empfehlungen machen einen Roman wirklich zum Lieblingsbuch. Es ist vielmehr das Leben mit dem Buch, das Bedauern, es irgendwann doch kurz aus der Hand legen zu müssen, bevor es zu Ende ist. Die atemberaubend spannende und anrührende Geschichte von Daniel Sempere im düsteren Barcelona der Franco-Ära hat es auch nicht nötig, von Außenminister Fischer beworben zu werden, der angeblich die ganze Nacht durchgelesen hat. Immer tiefer zieht der junge spanische Autor Zafón den Leser in ein Labyrinth von Emotionen und rätselhaften Geschehnissen. Alles beginnt im „Friedhof der vergessenen Bücher“, einer riesigen Bibliothek in einem halb verfallenen Palast, durch deren Gänge man am liebsten selbst streifen möchte. Von Seite zu Seite wird der Roman intensiver, werden Daniels Abenteuer phantastischer, spannender, ergreifender. Unmöglich, die Handlung kurz zusammenzufassen. Zafóns Stil verliert in der Übersetzung nicht. Ein wenig erinnert er an Gabriel Garcia Marquez, ein wenig an Stendhal. „Der Schatten des Windes“ war beim Erscheinen in Spanien eine literarische Sensation, inzwischen ist der Roman ein „million-seller“. Seit zehn Jahren lebt Zafón in Los Angeles und arbeitet als Drehbuchschreiber. Studiobosse und Regisseure stehen vermutlich längst wegen der Filmrechte bei ihm Schlange.

Regina Krieger

Aus der Geschichte lernen

„Wir befinden uns im Kampf mit dem gefährlichsten Feind, der jemals der Menschheit in ihrem langsamen Aufstieg aus dem Sumpf zu den Sternen entgegengetreten ist.“ Diese nicht nur aus amerikanischer Sicht mehr denn je aktuelle Sentenz stammt nicht von George W. Bush, sondern von dem verstorbenen Ronald Reagan. Und der frühere Präsident meinte auch nicht die aus dem Terrorismus resultierende Gefahr, sondern den Kommunismus. Gleichwohl gibt es Parallelen. Gerade deshalb ist Herbert von Borchs bereits Anfang der 80er-Jahre veröffentlichtes Buch „Amerika: Dekadenz und Größe“ auch heute noch ebenso spannende wie lehrreiche Lektüre, für die man gerne den Weg in die nächste Stadtbibliothek auf sich nimmt. Der einstige US-Korrespondent verschiedener deutscher Zeitungen legt den Finger auf jene politischen und gesellschaftlichen Widersprüche, die in dem Phänomen Amerika stets eingebaut waren. Er zeichnet eine Anatomie der Supermacht, die auch heute noch nicht nur das Land selbst, sondern auch dessen Verhältnis zum Rest der Welt prägt. Wer sich heute mit dem globalen Machtanspruch der US-Politik auseinander setzen will, findet bei von Borch hilfreiches Anschauungsmaterial, mit dem es allemal gelingt, einen roten Faden zu spinnen.

Ewald Stein

Das Leben der Beat Generation

Das Tempo verschlägt dem Leser den Atem. Sal Paradise rast durch Amerika, dass es mitunter schwierig ist, dem jungen Draufgänger zu folgen. Zwischen Ost- und Westküste fährt er hin und her, als sei der riesige Kontinent nicht größer als die Schweiz. So rasant wie Jack Kerouacs Held Sal Paradise in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg mit seinen Freunden durch die Lande zieht, so turbulent ist das ganze Leben der so genannten Beat Generation. Partys, Hochzeiten, Scheidungen und Jobs folgen so schnell aufeinander, dass alle Beteiligten wie im permanenten Rausch leben. Kaum ein Amerika-Urlauber wird die Strecke New York – San Francisco in drei Tagen zurücklegen wollen, wie es Kerouac in seinem 1957 erstmals erschienenen Klassiker „On the Road“ beschreibt. Doch die ungestüme Art, mit der Sal Paradise sein Heimatland durchstreift, wirkt ansteckend. So ansteckend, dass es schwierig ist, nicht sofort den nächsten Flug nach Amerika zu buchen.

Joachim Hofer

Tramper mit Kühlschrank

Im Suff wettet der englische Komiker Tony Hawks, mit einem Kühlschrank im Gepäck Irland zu bereisen. Der typisch englische Humor wird spätestens dann klar, als die 100-Pfund-Wette mit dem Kauf eines Kühlschranks für 130 Pfund beginnt. Der unhandliche weiße Kasten erweist sich jedoch nicht als schwerwiegendes Reisehindernis. Im Gegenteil, scheint der Kühlschrank doch über einen menschlichen Charme zu verfügen, der seinen Besitzer oft ziemlich blass dagegen aussehen lässt. Er öffnet die Herzen der Iren und katapultiert sich in die kuriosesten Situationen: Der Kühlschrank wird von einer Äbtissin gesegnet, geht Surfen, erhält sein eigenes Bett. Ihm zu Ehren gibt es die erste „Fridge“-Party der Insel. Mancher Autofahrer nimmt den Tramper nur deshalb mit, weil der weithin sichtbare Kühlschrank dabei ist. Eine Radiostation aus Dublin berichtet über das Fortkommen der beiden. Das Beste beim Lesen ist das Wissen, dass all die skurrilen Begebenheiten wirklich geschehen sind und nicht nur dem kruden Hirn eines Engländers entstammen – die Fotos beweisen es. Und vielleicht macht diese Geschichte auch Mut, im Alltag „verrückt“ zu sein. Denn eines ist nach der Lektüre sonnenklar: Verrückt sein macht vor allem viel Spaß. Schade ist nur, dass man wegen der fehlenden Landkarte die Reiseroute nicht gut nachvollziehen kann.

Anja Kühner

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