„The Women“
T.C. Boyle: Der Haus-Schreiber

Der amerikanische Bestseller-Autor T.C. Boyle bewohnt mit seiner Frau und seinen drei Kindern eine 100 Jahre alte Villa in Santa Barbara - entworfen von dem legendären Architekten Frank Lloyd Wright. Grund genug für den Schriftsteller, ein Buch über den genialen Egomanen und Frauenhelden zu schreiben.

Das Haus in Montecito ist schwer zu finden. „Der Schreiber?“ hatte der ordentlich blumengießende ältere Herr die Frage nach der berühmten Adresse beantwortet. Über die Straße, sagte er und drehte den Wasserhahn sorgfältig zu, um die Ecke, dann das zweite Haus, hinter dem hohen Zaun. Dann setzte er das Wässern der Pflanzen fort, als sei der lästige Frager schon verschwunden und auf dem Weg zu T.C. Boyle.

Man muss sich als Berühmtheit wahrlich nicht verstecken in Montecito, dem edelsten Ortsteil Santa Barbaras, seinerseits eine der exklusivsten Enklaven der kalifornischen Küste. Doch Thomas Coraghessan Boyle, einer der erfolgreicheren amerikanischen Schriftsteller und ein Meister des absurden Humors, scheint sich gerne mit der ach-so-begehrten Anonymität berühmter Nachbarn wie Michael Douglas, Jennifer Anniston oder Oprah Winfrey zu tarnen. Und trotzdem: Das Gartentor ist offen, die Haustür nur angelehnt, keine Antwort auf das Klopfen, der Besucher steht – ganz allein – in einem Wohnraum, nüchtern ausgestattet mit antikem Arts & Crafts-Mobiliar, und wird das Gefühl nicht los, sich in einem veritablen Museum zu befinden.

„Der Meinung ist meine Schwiegermutter auch“, sagt T.C. Boyle, als er urplötzlich im Raum steht, ein wuseliges Wollknäuel von einem Hund unter dem Arm. Der Mann scheint Gedanken lesen zu können. Das kenne er schon, das sei die erste Reaktion aller Besucher, die zu Besuch kämen, erklärt er freundlich die vermeintliche Übersinnlichkeit.

Er habe eine hervorragende Beziehung zu seiner Schwiegermutter, fährt er kauzig fort, sie komme nur zu Besuch, wenn er nicht zu Hause sei. Welch ein Entrée, offensichtlich hegt der Schriftsteller eine Vorliebe für Schwiegermutter-Witze. Dann legt er den Hund ab und holt aus der Küche ein Tablett mit Käse, Crackers und Weißwein. Irgendwie passt der Mann nicht so wirklich in die exklusive Nachbarschaft, Schräge wie ihn findet man eher backstage bei Rockkonzerten: schwarzes, weites – na ja – Hemd, schwarze Jeans, Ringe im Ohr, einen fast niedlichen Totenkopfring am kleinen Finger, die grellgrüne Sonnenbrille aus der Fan-Kollektion der Smithereens in den etwas schütter gewordenen Haare, die unverdrossen zu Berge stehen. Aber dann sind da die Augen: die Augen blitzen mit beißendem Humor. Wenn das antiquierte Klischee auf jemanden passt, dass ihm der Schalk im Nacken sitze, dann auf Boyle, den enge Freunde „T“ nennen dürfen, und jene, die sich für Freunde halten, „TC“.

Nicht viele wissen vom Frank-Lloyd-Wright-Haus in Santa Barbara. Fallingwater in Pennsylvania oder das Rosenbaum Haus in Alabama sind Pilgerstätten für Kunststudenten und Architektur-Groupies. Aber Santa Barbara?

Seite 1:

T.C. Boyle: Der Haus-Schreiber

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%