Theater
Die Pumpe im Blutkreislauf des Kapitalismus

Das Düsseldorfer Schauspielhaus bringt Emile Zolas Roman „Das Geld“ auf die Bühne. Ein zeitloses Lehrstück über Gier und Größenwahn an der Börse – und eine verstörende Bestandsaufnahme. Ferdinand Knauß hat es sich angeschaut.
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DÜSSELDORF. Wahrscheinlich war Tina Lanik noch nie im Handelssaal der Deutschen Börse in Frankfurt. In ihrer Inszenierung des Spekulanten-Dramas „Das Geld“ am Düsseldorfer Schauspielhaus tragen die Händler bunte Jacketts, gestikulieren hektisch und schreien wild durcheinander wie zu J. P. Morgans Zeiten. Heutige Aktienhändler, die ihre Deals über den Computer abschließen, werden sich in den krakeelenden Schauspielern nicht wiedererkennen.

Die Handlung des Stücks erinnert jedoch in erschreckender Weise an die Gegenwart. Die Romanvorlage „La Monnaie“ von Emile Zola (1840-1902), die John von Düffel zum Drama umschrieb, ist 118 Jahre alt – und aktueller als je zuvor. Haben wir seither wirklich nichts aus der Geschichte der Finanzmärkte gelernt? Offenbar nicht.

Politiker und Manager sprechen von der „Krise“ oft so, als wäre sie wie ein Unglück aus heiterem Himmel auf uns gekommen – ohne Vorgeschichte und historische Parallelen. Man muss nicht Wirtschaftsgeschichte studiert haben, um zu wissen, dass es schon ziemlich lange gibt, worüber man sich jetzt empört: Banker, die mit dem Geld anderer Menschen ihre Luftschlösser aufblasen. In Zolas fast vergessenem Roman von 1891 hätte man sie kennenlernen können. Bezeichnenderweise wird das Buch erst im November dieses Jahres vom Insel-Verlag wieder neu aufgelegt.

Zola orientierte sich bei seinem Roman an historischen Personen und Ereignissen: vor allem dem Aufstieg und Zusammenbruch der Bank „Union générale“ (1878-82). Sein Antiheld, der Bankengründer Saccard, agiert im Grunde nicht viel anders als mancher Finanzjongleur heute: Die Geschäftsidee eines anderen – bei Zola ein Geograf, der durch Infrastrukturprojekte Bodenschätze im Libanon gewinnen will – wird in große Worte übersetzt („die friedliche Eroberung des Orients“), die die Fantasie und Gier der Investoren ankurbeln.

Künstlich erzeugte Kursgewinne und immer neue Kapitalerhöhungen müssen herhalten, um aktuelle Finanzierungslücken zu schließen. Komplizierte Finanztransaktionen verschleiern die wahren Risiken. Schließlich vernebelt der Aktienkurs, also die irreal gestiegene Zukunftshoffnung, den Blick für die Realität der Gegenwart, die am Ende erbarmungslos zurückschlägt.

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