Theater
Kiez-Kultur im Heimathafen Berlin-Neukölln

Acht Frauen gründen in Berlin-Neukölln ein Theater. Statt Klassiker setzen sie auf eigene Stücke, die von der Kriminalität, den kulturellen Konflikten oder den Folgen der Finanzkrise in ihrem Bezirk erzählen. Das Konzept kommt an.
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Schweißperlen glitzern im grellen Licht der Scheinwerfer auf der Oberlippe der jungen, rothaarigen Frau. In schwarzen Strapsen und orangem Negligé poltert sie zwischen den Zuschauern umher und schmettert Kalauer. Bei Auftritten wie diesem hatte die Schauspielerin Inka Löwendorf früher nur ihre Rolle im Kopf. Heute denkt sie auch an viele andere Dinge – stimmt das Licht, funktioniert der Sound, wie viele Karten wurden verkauft? Der Grund: Löwendorf ist seit April selbst Betreiberin des Theaters, auf dessen Bühne sie die Kiez-Mieze mimt.

Unterstützt wird die 31-Jährige bei der Leitung des Kulturbetriebs Heimathafen Neukölln im Saalbau von ihren Freundinnen Wiebke Meier, Julia von Schacky, Stefanie Aehnelt, Anne Verena Freybott, Nicole Oder und Verena Eidel, alle zwischen 30 und 35 Jahre alt, sowie Carolin Huder. Huder ist mit 40 Jahren die älteste der Theaterdamen und die einzige der acht Frauen, die an dem Unternehmen auch finanziell beteiligt ist. Neben Huder gibt es zwei weitere Gesellschafter: Bernd Schultz und Hans-Georg Oelmann. Schultz ist von Schackys Stiefvater und Oelmann „so eine Art Pflegepapa“ für Löwendorf. Die beiden Männer waren es auch, die den Frauen den letzten Schubs zu ihrem großen Wagnis gaben.

Schon bevor die Freundinnen das alte Theater zwischen Dönerbude und Ein- Euro-Laden übernahmen, hatten sie nämlich zusammen in temporären Kulturprojekten in wechselnden, leer stehenden Räumen unter dem Namen Heimathafen gearbeitet, zuletzt in einem alten Postamt in Berlin-Neukölln. Damals wie heute drehten sich die Stücke um die Eigenheiten des Bezirks und Themen wie Kriminalität oder kulturelle Konflikte. Aber auch Volkstheaterstücke standen und stehen auf dem Programm. Die Aufführungen waren stets gut besucht, auch Oelmann und Schultz waren begeistert und wollten die Frauen fördern. Obwohl die Männer bisher rund 200 000 Euro in das Projekt gesteckt haben, mischen sie sich nicht ein. „Ich habe großes Vertrauen in diese Gruppe“, sagt Schultz. Seine Stieftochter habe zwar weniger Ahnung von betriebswirtschaftlichen Dingen, dieses Defizit gleiche aber Huder, die bereits Max Raabe als Künstlermanagerin betreut hat und die Geschäftsführerin des Heimathafens ist, wieder aus.

Langfristig sollen von Schacky und Löwendorf die Anteile von Schultz und Oelmann übernehmen. Gefühlt sind sie schon jetzt Teilhaberinnen – das zeigt sich auch am Gehalt: Wie auch Huder bekommen sie keinen Cent. Huder arbeitet deshalb zusätzlich als Künstlermanagerin, die beiden anderen halten sich mit Engagements an externen Bühnen über Wasser. Mit den übrigen fünf Frauen werden pro Projekt befristete Verträge geschlossen, die Löhne variieren: Je nach Produktionsumfang sind es 1 000 bis 3 000 Euro pro Monat.

Im Theaterbetrieb betreut jede einen Bereich, in dem sie langjährige Erfahrung hat. So gibt es im Team eine gelernte Dramaturgin, eine Regisseurin und Bühnenbildnerin. Zusätzlich unterstützt werden die Frauen vom Kulturnetzwerk Neukölln: Das stellt Langzeitarbeitslose ein und vermittelt sie kostenlos an Kulturbetriebe. So spart der Heimathafen rund 10 000 Euro pro Monat. Trotzdem sind die Löhne für das übrige Personal mit 11 000 Euro der größte Kostenfaktor im Unternehmen. Insgesamt verschlingt der Betrieb des Theaters monatlich rund 30 000 Euro, ein Sechstel davon kostet die Pacht. Für fünf Jahre haben die Frauen das Theater gemietet. Ihr bisheriges Konzept für den 450 Sitzplätze umfassenden Saal beinhaltet 40 Prozent eigene Produktionen sowie die Vermietung der Räume an andere Künstler.

Das eigene Stück „Arabboy“, das von einem Migranten handelt, der auf die schiefe Bahn gerät, ist ein gutes Beispiel, wie die Frauen den Vorteil nutzen, den ihr kleines, nicht subventioniertes Theater gegenüber seinen großen, bezuschussten Brüdern hat. „Kleine Theater können speziellere Zielgruppen ansprechen“, erklärt Wolfgang Bergmann, ZDF-Theaterkanalleiter. Der Erfolg von Arabboy gibt den Frauen recht: Das Stück war so gut besucht, dass sie es an andere Häuser verkaufen wollen. Dann hätte der Heimathafen noch ein drittes Standbein.

Dana Heide ist Korrespondentin in Berlin.
Dana Heide
Handelsblatt / Korrespondentin

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