Theateraufführung von "Das Kapital"
Karl Marx und die Selbst-Darsteller

"Das Kapital", das Hauptwerk von Karl Marx, ist eine Analyse und Kritik der kapitalistischen Gesellschaft. Ein theoretischer Text, völlig ungeeignet als Grundlage für ein Theaterstück, müsste man meinen. Ein Irrtum. In Düsseldorf bringen junge Theatermacher „Das Kapital“ auf die Bühne.

DÜSSELDORF. Thomas Kuczynski hat es ausgerechnet: Würde er dem Publikum das 751-seitige Drehbuch komplett vorlesen und pro Seite eine Stunde „intensiven Nachdenkens“ hinzugeben, „was notwendig ist, um das Buch wirklich zu verstehen“, dann dauerte das ein ganzes Arbeitsjahr. Oder 90 Mal Richard Wagners „Ring“. Dann schon lieber Karl Marx, das steht für Kuczynski fest – auch wenn heute nur 100 Minuten Zeit sind, ein Theaterstück lang eben.

Talivaldis Margevics hat auch gerechnet. In Riga, wo er lebt, gibt es „Das Kapital, Band 1“ von Karl Marx auf dem Schwarzmarkt für 1 000 Euro. „Mein Kampf“ von Adolf Hitler kostet 20 Euro. Ein Mal Marx ist also so viel wert wie 50 Mal Hitler. X mal Ware A gleich Y mal Ware B, rechnete Karl Marx, sei die Grundgleichung der kapitalistischen Produktionsweise.

Christian Spremberg hat Kapital akkumuliert. Er nennt 20 000 Schallplatten sein Eigen und lässt die hören: Die „Travellers“ besingen den Pleitegeier im Portemonnaie, sozialistische DDR-Liedermacherei rät zu „carpe diem“, Ford wirbt für den neuen Taunus, das Schlossgespenst Hui Buh klappert mit seiner Kette.

So geht es zu auf einer Theaterbühne, wenn das Regiekollektiv Rimini-Protokoll loslegt. Nicht Handlung zählt, sondern nur das Thema. Nicht Schauspieler spielen, sondern Laien geben sich selbst. Und nicht die Regisseure geben ihre Interpretation des Sujets vor, sondern die Biografien der „Experten aus der Wirklichkeit“ mäandern in- und auseinander. So entstehen aus Menschen gemalte Collagen, und mit ihnen gehören Rimini-Protokoll zum angesagtesten im deutschsprachigen Theater der Gegenwart. Am Samstag war Uraufführung von „Das Kapital“ im Düsseldorfer Schauspielhaus.

Mannesmann und Ackermann? Unterschicht? BenQ? Hartz IV? Heuschrecken? Auf die Vorlagen, die sich der Kapitalismuskritik in Marx’ Heimat anno 2006 aufdrängen, verzichten Helgard Haug und Daniel Wetzel. Die Regisseure halten der Marktwirtschaft nicht den Zeigefinger vor, sie schubsen den Konsumbürger einfach hinein in die Widersprüchlichkeit seiner Gesellschaft.

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