Thomas Harris: Hannibal Rising
Die Jugend des Kannibalen

Hannibal Lecter ist eine Kultfigur der Gegenwartsliteratur. Er ist ins Gedächtnis der Leser eingebrannt - und in das der Kinogänger durch Anthony Hopkins in "Das Schweigen der Lämmer". In "Hannibal Rising" deckt Thomas Harris die Herkunft des berühmtesten Menschenfressers der Gegenwartsliteratur auf - und entzaubert ihn.

DÜSSELDORF. Mit "Hannibal Rising" liegt nun Thomas Harris' lang erwartetes "Prequel" über Hannibals Jugend auf Deutsch vor. Man könnte Harris vorwerfen, dass er über nichts anderes schreiben kann als über jenen Kannibalen. Seit Mitte der 70er-Jahre sein Erstling erschien, hat Harris bis dato nur vier weitere Romane veröffentlicht, in allen ist Hannibal "the cannibal" Lecter mit von der Partie. Der neue Roman zeigt, wie der intelligente und stets bis zur Perfektion kultivierte Psychiater zum Menschenfresser wurde.

Harris führt den Leser in das Gebiet des heutigen Litauen zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Hier muss der etwa zehnjährige Hannibal miterleben, wie zunächst die Lecters von ihrem uralten Familiensitz Burg Lecter vor der heranrückenden Wehrmacht fliehen müssen und später seine Eltern bei einem Angriff umgebracht werden. Vor Hannibals Augen wird seine Schwester Mischa schließlich von marodierenden Deserteuren ermordet und ihre Leiche gegessen.

Hannibal überlebt und wird von seinem Onkel Robert nach Paris geholt. Dessen japanische Frau "Lady Murasaki" fasziniert den Heranwachsenden. Nur lückenhaft kann er sich an die Gräuel der Vergangenheit erinnern, die ihm zudem die Sprache geraubt haben. Die grausamen Erinnerungen kehren ausgerechnet zurück, als die Japanerin auf dem Markt von einem Händler beleidigt wird. Hannibal rächt sie blutig und wird zum Mörder. Nun führt er einen perfekt geplanten Rachefeldzug gegen die Mörder seiner Schwester.

Da Hannibals Anziehungskraft auf Leser und Zuschauer gerade dadurch zu Stande kam, dass stets unklar blieb, wieso er ohne Gefühlsregung grausame Morde und Kannibalismus zelebrierte, zerstört Harris nun seine eigene geniale Ursprungsidee. Vieles ist diesmal vorhersehbar. Die Erklärung, warum Hannibal auch in den späteren Jahren nicht von seiner Mordgier ablässt, ist wenig überzeugend. Dennoch ist der Roman in weiten Teilen gewohnt kurzweilig.

Harris schrieb auch das Drehbuch der Verfilmung. "Hannibal Rising" läuft zurzeit im Kino, diesmal allerdings ohne Anthony Hopkins, dafür mit dem Franzosen Gaspard Ulliel als junger Hannibal Lecter.

THOMAS HARRIS
Hannibal Rising
Hofmann & Campe Verlag, Hamburg 2006
352 Seiten, 19,95 Euro

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