Tiefkühltrends
Frost-Freunde

Mit dem Schmelzen der Gletscher steigt die Sehnsucht nach Kälte. Nicht nur Bars, Restaurants und Hotels werden auf Eis gebaut. Auch Ausstellungen und Firmen-Events finden immer öfter tiefgekühlt statt. Überall werden die Gäste in kühlhauskompatible Kleidung gepackt und dann zumeist mit Wodkamixgetränken wohl temperiert.

Es sollte das größte Schiff aller Zeiten werden. 1,2 Kilometer lang, mit einer Wasserverdrängung von zwei Millionen Tonnen, groß genug, um Jagdflugzeuge und Bomber starten und landen zu lassen. Und aus einem natürlichen Werkstoff: Eis. Genauer gesagt Eis mit Sägespänen. Das Projekt "Habbakuk", das die Briten im Zweiten Weltkrieg ersonnen hatten, wurde sogar Wirklichkeit, zumindest im kleineren Maßstab. Ein Modell hatten die Briten realisiert, das Großprojekt jedoch schließlich verworfen.

Ähnlich skurril muten die Eishotels an, die Winter für Winter jenseits des Polarkreises hochgezogen werden und die mittlerweile Großhotel-Maßstäbe angenommen haben. Immer mehr Menschen scheren aus dem Treck ins Warme aus uns suchen den Frost, verlassen für ein, zwei Nächte ihre geheizten Häuser, um bei Minusgraden im Schlafsack Erholung zu finden.

Des Städters Sehnsucht nach Eis wird derweil auch diesseits des Polarkreises befriedigt. Immer neue Eisbars werden in Großstädten eröffnet. Und Künstler stellen mittlerweile Eisskulpturen in Kühlhäusern aus. Dabei hat der Eisbautrend zunächst als Kunstausstellung angefangen. Jannot Derid, ein französischer Bildhauer, stellte seine Werke 1990 in einem Iglu aus, das der Tourismusverband im schwedischen Jukkasjärvi aufgestellt hatte, um den Touristen im Winter außer langen Nächten noch eine Attraktion zu bieten.

Ein paar Besucher entschieden sich, in der Eishalle zu übernachten. Das Icehotel war geboren. Mittlerweile gibt es solche eisigen Unterkünfte in Finnland, Norwegen, Schweden, in Alaska und Kanada. Aber auch auf der Zugspitze und in der Schweiz wurden in diesem Winter Igludörfer errichtet. Ein Risiko, denn milde Winter können die Eishäuser ruck, zuck in tropfende Ruinen verwandeln. Kein Wunder also, dass immer mehr Eisetablissements klimasicher in städtischen Kühlhäusern aufmachen.

Die Betreiber der Diskothek Index in Schüttorf, kaum zehn Kilometer von der deutsch-niederländischen Grenze entfernt, rühmen sich, die größte permanente Eisbar der Welt zu haben. Auf 300 Quadratmetern wurden 320 Tonnen gefrorenen Werkstoffs zu Wänden verarbeitet. Eistische hängen an Ketten von der Decke, Akazienstämme sind zu einem Eiswald gefroren, Musikinstrumente, ja sogar ein Motorrad in Eisblöcke gepackt und dramatisch hinterleuchtet. Der größte Teil der Lichttechnik besteht aus LEDs, die wenig Wärme abgeben und daher die empfindlichen Skulpturen nicht beschädigen.

Im Sommer 2006 öffnete das Kühlhaus die Pforten. Seither muss das gefrorene Ensemble bei minus sieben Grad gehalten werden. Natürlich auch wenn Gäste da sind. Am Eingang werden diese in Winterjacken gepackt, und sie bekommen Handschuhe. Nicht zuletzt wegen der Gläser, die bestehen ebenfalls aus Eis. Und wer seines mit den blanken Händen anfasst, kann dabei zusehen, wie es langsam, aber sicher in seinen Fingern zu Wasser zerrinnt. Zu trinken gibt es vor allem stramm Alkoholisches, da andere Drinks bei der niedrigen Umgebungstemperatur und den kühlenden Gläsern leicht einfrieren. Entsprechend seltsam ist auch das Trinkerlebnis: Der Inhalt scheint deutlich wärmer zu sein als die Hülle.

In Jukkasjärvi, der Geburtsstadt des Tiefkühltrends, hat sich mittlerweile eine kleine Industrie entwickelt. Blöcke für Eisbauten und -skulpturen werden im Winter mit Spezialwerkzeug aus dem tiefgefrorenen Fluss geschnitten und für den nächsten Winter eingelagert. Weitere Quader kommen in die Glasfabrik. Dort wird rund eine Million Eisquader pro Saison mit Bohrungen versehen und dann in alle Welt verschickt: in die verschwägerten Icebars in Stockholm, London, Tokio und Kopenhagen.

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