Tote Hosen und Sinfoniker
Von den Nazis geächtete Musik

Nach ihrer großen Tour wagen sich die Toten Hosen auf klassisches Terrain. In Düsseldorf spielen die Punkrocker zusammen mit einem Sinfonieorchester. Das Brisante: Die Musik wurde früher von den Nazis verfemt.
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DüsseldorfDie Toten Hosen im klassischen Konzertsaal: Nur eine Woche nach dem Ende ihrer großen Stadiontournee treten die Punkrocker an diesem Samstag mit dem Sinfonieorchester der Robert Schumann Hochschule in Düsseldorf auf. Mit dem gemeinsamen Konzert „Willkommen in Deutschland“ in der Tonhalle erinnern die Musiker an von den Nazis geächtete und verfolgte Komponisten. Vor 75 Jahren war die musikalische Avantgarde mit der NS-Propagandaschau „Entartete Musik“ in Düsseldorf diffamiert worden.

Das Konzertprogramm reicht von Filmmusik und den Comedian Harmonists bis zu Arnold Schönbergs komplizierter Zwölftonmusik und Musik, die im Konzentrationslager Theresienstadt komponiert wurde. In Schönbergs Werk „Ein Überlebender aus Warschau“ tritt Hosen-Frontmann Campino als Sprecher auf. Er singt zudem Stücke von Kurt Weill aus Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“. Auch eigene Songs gegen Rechts wie „Sascha“ oder „Willkommen in Deutschland“ spielen die Toten Hosen. Bei allen Songs, auch „Ballast der Republik“ oder „Drei Kreuze“, würden die Hosen vom Sinfonieorchester begleitet, sagte Hochschulprorektor Thomas Leander.

Um ein technisch perfektes Konzert gehe es nicht, hatte Campino bereits im Vorfeld betont. Wichtig sei vielmehr die gemeinsame Geste von Klassik- und Rockmusikern, ein Statement für Pluralismus und Toleranz zu setzen. Das Konzert werde kein typischer Toten-Hosen-Abend. So spielt die Band diesmal auch Lieder wie das 1933 von Häftlingen des Konzentrationslagers Börgermoor verfasste „Moorsoldaten“ und interpretiert Erich Kästners „Stimmen aus dem Massengrab“ (1927).

Die Einzelproben absolvierte die Band trotz Konzerttournee bereits seit mehreren Wochen. Vergangenes Wochenende spielten die Hosen vor insgesamt 90 000 Zuschauern in Düsseldorf die beiden Abschlusskonzerte ihrer „Krach der Republik“-Tour. Seit Montag probten Band, Sänger und Orchester zwölf Stunden am Tag gemeinsam, sagte Leander.

Das Konzert sei „eine große Herausforderung“, hatte Campino gesagt. Mit den klassischen Musikern müsse die Band erst einmal „eine gemeinsame Sprache finden“. Und auch mit Dirigent Rüdiger Bohn müsse er sich verständigen: „Wir versuchen, die Handzeichen zu lesen“, sagte Campino. Die Toten Hosen und die Sinfoniker treten an drei Abenden bis Montag mit dem Programm auf.

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