Traditionelle Anlageobjekte
Goldene Schnupftabakdosen gefallen wieder

Gold- und Schnupftabakdosen vereinen unerhörte handwerkliche Fertigkeit und kostbare Materialien. Als Investitionsobjekt sind sie wieder gefragt. Seit sie unter Ludwig XIV. in Mode kamen, findet man sie öfter in der Kunstkammer als in der Hosentasche, aber auch hier bestätigt die Ausnahme die Regel.
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LONDON. Eine mit Juwelen und Email dekorierte Schnupftabakdose rettete dem begierigsten Dosensammler, Friedrich dem Großen, 1759 bekanntlich bei der Schlacht von Kunersdorf das Leben, weil sie in der Westentasche steckte. Dosen gehören, wie Porträtminiaturen, auch deshalb zu den beständigsten, krisenfestesten und modeunabhängigsten Sammelgebieten, weil man sie eben leicht in die Hosentasche stecken kann – als beweglichen Besitz.

Was die Wertbewahrer vermögen, zeigte der Top-Preis von 657 250 Pfund brutto (739 406 Euro) für eine Berliner, oder wie Christie’s sie in der Auktion „Centuries of Style“ am 17.11. beschrieb, „preußische“ Rokokodose von dem in Berlin als Hofjuwelier des Königs arbeitenden Hugenotten Daniel Baudesson. Arbeiten von Baudesson sind ebenso selten wie Dosen, die, sei es noch so vage, mit der legendären Dosensammlung des Alten Fritz in Zusammenhang gebracht werden können – deshalb das Gebot bei der vierfachen Schätzung. Gleich anschließend verdoppelte eine klassizistische Dresdener Dose aus malerischen Steinschnitten von Johann Christian Neuber durch ein Handelsgebot von 289 250 Pfund die Taxe.

Nicht alle Dosen reüssierten so dramatisch; wie immer konzentrierte sich das Interesse auf das Besondere. Aber eine George II. goldgefasste, steinbelegte „Boîte-à-deux Tabacs“ verdreifachte die Taxe mit 28 750 Pfund, eine Pariser Kameendose brachte die doppelte Schätzung mit 25 000. Eine Dose, die erst dem Banker JP Morgan und dann Henry Ford II. gehörte, wurde für 21 250 Pfund verkauft, und sogar eine 1996 im Kaufhaus des Westens erworbene Rokoko-Golddose kletterte mit 18 750 Pfund deutlich über die Schätzung.

Zwei Mischauktionen zeigten in London, dass bei den in den letzten Jahren oft etwas zu kurz gekommenen traditionellen Wertobjekten und Einrichtungsgegenständen das Preisgefüge nun wieder ziemlich stabil scheint. Christie’s nahm für Silber, Porzellan, Miniaturen und Dosen 3,5 Mio. Pfund ein, verkaufte drei Viertel der Lose, und nach Wert blieben nur 17 Prozent unverkauft. Teuer wurde ein Meissener Goldchinesen-Kaffeeservice mit 67 250 Pfund (taxiert bis 40 000 Pfund). Die Renaissance-Majoliken wurden fast ohne Ausfall abgesetzt, mit dem Höchstpreis von 17 500 Pfund für einen “Istoriato“- Teller mit Trojanischem Pferd.

Sotheby’s spielte am 18.11. 3,6 Mio. Pfund ein. Wegen vieler durchschnittlicher Möbel blieben hier zwar 40 Prozent unverkauft, aber bei den Wertobjekten gab es starke Zuschläge. Ein viktorianischer Silberpokal mit neuseeländischen Motiven brachte nicht weniger als 54 050 Pfund. Ein wichtiger Doccia-Becher mit dem Wappen von Anna Maria Luisa de Medici, Frau des Düsseldorfer Kurfürsten Johann Wilhelm, spielte 44 450 Pfund ein. Ein großer, flämischer Wandteppich, „Feuilles de choux“, wurde für 94 850 Pfund verkauft (30 000/40 000). Ein Paradiesgärtlein des frühen 16. Jahrhunderts aus Tournai, das bis 25 000 Pfund taxiert war, kostete 97 250 Pfund – historisch ein niedriges Preisniveau.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent

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