Trend zur Bitterschokolade
Die Lust am dunklen Luxus

Der Trend zu Bitterschokolade hält seit zwei Jahren an. Dass er enden könnte, glaubt in der Branche kaum jemand.

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Die Tanks sind von außen so braun wie von innen. Zwölf Tonnen Schokolade fasst jeder, warme flüssige Masse mit 42 Grad. Bevor sie zur Tafel wird, muss sie sich in einem Metallzylinder mit kaltem Wasser abkühlen lassen, immer um ein paar Grad, dann bekommt die Schokolade wieder eine Pause. Das bringt später den Glanz beim Auspacken, das Knacken beim Brechen und den Schmelz auf der Zunge. Endlich, bei rund 28 Grad, darf die Schokolade in Tafelformen fließen, überwacht von Frauen in weißen Kitteln und mit Haarnetzen.

Nebenan schuften Männer in Latzhosen mit Bauhelmen und lassen Beton auf den Kiesboden fließen. Schokoladenproduzent Jürgen Rausch baut neue Hallen: Im Herbst will er drei Mal so viele Tafel- und Stäbchenformen füllen können wie heute. Seine Spezialität: Schokolade aus teurem Edelkakao, Tafeln mit 35 Prozent Kakaoanteil bis hin zu 75 Prozent - je mehr Kakao enthalten ist, desto dunkler und bitterer wird die Schokolade. Und auch teurer. 80-prozentige bietet er nicht an, denn die schmecke nur wenigen. "Das ist nichts für die breite Masse."

Bis vor einigen Jahren wäre niemand auf die Idee gekommen, die Fans dunkler Schokolade als "breite Masse" zu bezeichnen. Doch seit 2002 steigt der Marktanteil dunkler Schokolade in fast ganz Europa. Am schnellsten breitet sich die Köstlichkeit in Deutschland aus. Marktforscher von AC Nielsen sagen, dass inzwischen 39 Prozent aller deutschen Haushalte dunkle Schokolade kaufen. Der Umsatz hat sich in den vergangenen zwei Jahren verdoppelt. Das Ergebnis: Obwohl der Schokoladenverbrauch seit Jahren stagniert, steigt der Umsatz mit Schokoladentafeln - im vergangenen Jahr um elf Prozent. Die Deutschen kaufen nicht mehr Schokolade, aber mehr teure.

Auch die Konkurrenz bestätigt den Trend zur Bitterschokolade: Ritter habe zwar keine seiner Tafeln im hochwertigen Segment angesiedelt, sagt ein Sprecher, weil sie nicht in die Marketingstrategie des Unternehmens passten. Er sehe aber, dass die Kunden deutlich mehr Halbbitter-Schokolade kaufen als früher. Das haben auch die Discounter erkannt: Lidl und Aldi haben Bitterschokolade im Sortiment. Im November begann zudem der Kaffeeröster Tchibo, Rausch-Schokolade unter eigener Marke in den Tchibo-Läden anzubieten. Der Schweizer Hersteller Lindt und Sprüngli hat bereits 1995 eine Bitter-Marke in die Läden gebracht. Für 2004 spricht Deutschland-Chef Adalbert Lechner immer noch von einer Entwicklung "im hohen zweistelligen Bereich".

Dass der Umsatz mit Bitterschokolade in nächster Zeit wieder schrumpfen könnte, glaubt in der Branche kaum einer. "Erkenntnisse über positive gesundheitliche Eigenschaften des Kakaos haben zu dem Trend beigetragen", sagt Karsten Keunecke, Geschäftsführer beim Verband der Süßwarenindustrie.

Tatsächlich war in den vergangenen Jahren in Apotheken-Magazinen und Tageszeitungen immer wieder zu lesen, welch tolle Wirkungen Wissenschaftler der Kakaobohne zuschreiben: Sie soll den Cholesterinspiegel und den Blutdruck senken, die Blutgefäße stärken und Vorprodukte des Glückshormons Serotonin enthalten. Dazu kommt nach Ansicht von Schokoladenhersteller Rausch die Lust am Luxus - auch bei anderen Waren verkauften sich teure Marken gut, mittelmäßige nur schwer.

Ob das Marktwachstum weitergeht, werden laut Marcus Brücker von AC Nielsen hauptsächlich die Hersteller bestimmen: "Die Frage ist, ob noch weitere Anbieter auf die Idee kommen, Bitterschokolade zu bringen." Von denen, die noch fehlen, hat das in den vergangenen Wochen keiner eine Sortimentsausweitung angekündigt. Dafür will Tchibo seine Schokolade in Zukunft auch in Supermärkten verkaufen. Und Stollwerck hat auf der Süßwarenmesse mit "Sarotti Purpur" eine neue Bitter-Marke vorgestellt - es ist Stollwercks dritte.

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