Treteimer mit Design
Wohlstandsmüll

Gewöhnlich wegschmeißen kann jeder. Die Hautevoleeschmutzt vornehm. Und deponiert ihren Kehricht in limitierten Abfalleimern. Der Weg vom praktischen Haushaltshelfer zum Luxusgegenstand führte nicht zuletzt durch eine ambitionierte PR-Abteilung.

Reykjavik ist eine Stadt, auf die sich alle einigen können. Soll toll sein, so die einhellige Meinung. Die wenigsten waren zwar da, vielleicht mal abgesehen von einem Stop-over mit Islandair auf dem Weg nach New York, aber die meisten haben nur Allerbestes gehört. Oder wie es die Firma Vipp ausdrückt: Reykjavik ist „bekannt für seine hippe, unverdorbene Atmosphäre“.

Das mit dem unverdorben muss man vielleicht in Extra-Gänsefüßchen setzen. Denn wie unverdorben kann eine Stadt sein, die von Marketing-Fachleuten als Namensgeber für ein beinah schwarzes Blau an den Haaren herbeigezogen wird. Und das nur, um damit einen Mülleimer einzupinseln. Das Blau, so beteuern die Marketingfachleute der Firma, hat er vom isländischen Meer, den Seen und den Eisbergen entlehnt. Bei den Feldstudien muss jedenfalls tiefste Dämmerung über Island gelegen haben. Denn die Standardfarbe von Eisbergen ist ein frisches Klostein-Blau. Aber so will natürlich niemand seinen Mülleimer nennen.

Zu allem Überfluss wurde der Pott auch noch mit einem silbernen Namensschildchen aufgehübscht und in einen Fellbeutel aus Polarfuchs gesteckt. Polarfüchse sind rar in Island. Und die wenigen, die es dort gibt, fängt man wahrscheinlich am besten, indem man die Überreste eines ausgebeinten Koteletts (Polarfüchse fressen auch Aas) in einem Treteimer offen stehen lässt. Am besten natürlich in einem in „Reykjavikblau“.

Die Tonnen im Pelz sind ähnlich rar wie der isländische Polarfuchs, 40 Stück der Wohlstandsmülleimer werden produziert. Und natürlich nummeriert. Das ist man seinen Kunden schuldig, wenn man ihnen einen Abfallbehälter zu 2 000 Euro schmackhaft machen will. Aber das ist vielleicht die Crux, wenn man Alltäglich-Funktionelles an eine Luxuskundschaft verkaufen will. Denn in den 30er-Jahren hatte der dänische Metalldrücker Holger Nielsen den putzigen Eimer mit dem glänzenden Deckel für seine Frau Marie entworfen. Die hatte einen Friseursalon und wollte einen Mülleimer, in dem sie die Haare der Kundschaft verschwinden lassen konnte, auch wenn sie, mit Kehrblech und Besen bewaffnet, keine Hand mehr frei hatte.

Natürlich gab es seinerzeit schon Mülleimer. Aber die Nielsens waren nicht gerade Großverdiener, und so dengelte der fromme Ehemann ein Eimerchen für seine Frau in der hauseigenen Werkstatt. Arztgattinnen, die sich bei Marie Nielsen die Haare schneiden ließen, sahen den Metalleimer mit den knuffigen Tragegriffen, dem runden Tretknopf und dem Dämpfer, der den Deckel leise schließen lässt. Sie waren, so will es die Firmenlegende, begeistert und kauften die Stücke für ihre Gatten. Mit der Zeit füllten sich dann Praxen, Krankenhäuser und Gaststätten mit den robusten Eimerchen. Und wenn ein Produkt so lange kaum verändert überlebt hat, gibt es irgendjemanden, der es gleich zum Kult ausruft. Vipp-Eimer werden denn auch in einem Atemzug mit Lego oder Bang & Olufsen genannt.

Vor 15 Jahren war es vorbei mit dem rein professionellen Dasein des Eimers. Fürderhin sollte er auch in Designerwohnungen daheim sein. Seither wird er schön gestrichen und hat eine Garde von Geschwistern an die Seite gestellt bekommen – bis hin zum Seifenspender oder zum Handtuch. Wir dürfen aufs 25-jährige Firmenjubiläum gespannt sein. Dann kommt bestimmt eine limitierte Klobürste in Farbrichtung Sun City (ein sehr weißes Altweiß). Mit einem Bordcase aus Stinktierfell – damit man das vornehme Arbeitsgerät mit auf Geschäftsreisen nehmen kann.

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