Tribal Art
Afrikanische Stammeskunst ist teurer als ozeanische

Seit gut 100 Jahren wird die starke ästhetische Ausstrahlung der Stammeskunst höher geschätzt als ihre kultische Funktion. Herausragende Skulpturen und Masken können Preise bis über 5 Mio. Euro erzielen. Paris ist immer noch die Drehscheibe für den Tribal Art Markt. Zur international gehandelten Spitzenklasse zählen Werke der Stämme der Luba (Angola), Baule, Lobi, Senufo (Elfenbeinküste), Songye (Kongo), Fang und Punu (Gabun). Markante Schnitzwerke aus Neu-Guinea sind dagegen günstiger: Sie liegen zwischen 5000 und 70 000 Dollar. Eine Preisübersicht.

Der deutsche Kunstpublizist Carl Einstein war nicht der erste Apologet der damals auch in Frankreich gefeierten sogenannten "Negerplastik". Schon 1898 hatte der Ethnologe Felix von Luschan die handwerkliche Meisterschaft der Benin-Skulpturen italienischen Renaissance-Bronzen gleichgestellt und sie so als Zeugnisse einer exemplarischen afrikanischen Hochkultur geadelt. Seither regiert ein Kontrast: Für Ethnologen ist der kultische Gebrauch der Objekte entscheidendes Wertkriterium, für die Kunstgemeinde die ästhetische Ausstrahlung des Objekts.

Den Kunstmarkt ficht das nicht an. Er hat sich seit den 1920er-Jahren eigene ästhetische Spielräume geschaffen, die Sammler von Eduard von der Heydt bis Jacques Kerchache, von Josef Mueller bis Georg Baselitz mit ästhetischem Feingefühl ausgeschöpft haben. Heute ist der Kunstcharakter der Objekte treibende Marktkraft.

Neben französischen Sammlern und Händlern spielen die Amerikaner eine Hauptrolle. Das wird nicht zuletzt durch die im November 2008 bei Sotheby's in New York versteigerte Sammlung Milton Robinson unterstrichen, die 10 Mio. Dollar einspielte. 4 Mio. Dollar, geboten von dem Pariser Händler Bernard Dulon, erzielte hier allein schon das legendäre "Rosenthal Primordial Couple", ein Figurenpaar, das die Essenz des Senufo-Stils verkörpert.

Schon zwischen den beiden Weltkriegen war Paris ein Dorado für Stammeskunst-Sammler aus aller Welt. Noch heute ist sie Drehscheibe dieses Marktes, nicht zuletzt durch die spätsommerliche Stammeskunstmesse "Parcours du Monde". Das gilt auch für die Auktionen, die nach Londoner Dominanz in den 1970er- und 80er-Jahren eine unerschütterliche Position an der Seine haben. Hier wurden seit 2001 u.a. die Sammlungen Goldet, Gaffé, Van den Abbeele, Geiger, Studer-Koch, Morigi, Lebel, Vérité, de Grunne versteigert.

Zurzeit dominiert Sotheby's den Markt. Doch den bislang höchsten Umsatz bescherte im Juni 2006 die von der Pariser Etude Enchères Rive Gauche organisierte Versteigerung der Sammlung Claude Vérité, deren 500 Objekte afrikanischer und ozeanischer Kunst 44 Mio. Euro erlösten. Hier wurde mit den für eine große, weiß getönte Fang-Maske aus Gabun telefonisch gebotenen 5,9 Mio. Euro auch der bis heute gültige Rekord für ein Objekt der Stammeskunst aufgestellt. Französischen Presseberichten zufolge wurde sie der L'Oréal-Erbin Liliane Bettencourt zugeschlagen.

Die Spitzenpreise, die seit 2001 für afrikanische Skulpturen geboten werden, sind nichts Neues. Als im Juni 1978 bei Christie's die von einem begnadeten Bildschnitzer geschaffene Figur eines Prinzen des angolanischen Luba-Stamms für 220 000 Pfund (damals 840 000 DM) zugeschlagen wurde, so ist das (Inflation eingerechnet) kaum weniger hoch zu bewerten als die jüngst in Pariser und New Yorker Auktionen gebotenen Millionenpreise. Ein vergleichbares Exemplar kam in der Verité-Auktion auf 3,8 Mio. Euro.

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