Triennale von Paris
Das Fremde, in Unordnung gebracht

Die Angst vor dem Fremden zieht sich wie ein roter Faden durch die Pariser Triennale. Schwer durchschaubar ist die Struktur der Ausstellung. Ethnologische Dokumentationen seit 1920 stehen gleichberechtigt neben künstlerischen Werken. Kurator ist der Münchener Museumsdirektor und ehemalige Documenta-Macher Okwui Enwezor.
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ParisDer Titel des Films von Rainer Werner Fassbinder: „Angst essen Seele auf“ (1973) begrüßt in Mega-Buchstaben die Besucher der Pariser Kunst-“Triennale“ im „Palais de Tokyo“. Mit: „Fear Eats The Soul“ übersetzte der Argentinier Rirkrit Tiravanjia, Jahrgang 1961, die Kernaussage Fassbinders zur Fremdarbeiter-Problematik im Deutschland des Jahres 1973. Die Angst vor dem Fremden, sei er Immigrant, Sklave oder ethnologisches Forschungssubjekt, durchzieht die Pariser Kunstveranstaltung als roter Faden. Der gebürtige Nigerianer Okwui Enwezor, Generalkurator der Pariser Veranstaltung und Direktor des „Hauses der Kunst“ in München, umschreibt seinen Ansatz mit dem kryptischen Titel „Intense Proximité“ (Intensive Nähe). Ansatzweise hinterfragt er die überall grassierende „nationale Identitäts“-Diskussion.

Flankiert von vier jungen Kuratoren (Mélanie Bouteloup, Abdellah Karroum, Emilie Renard und Claire Staebler) sucht Enwezor die Konfrontation der Künstler mit der jeweiligen Tagespolitik und schlägt einen höchst überraschenden Bogen über das Kunstschaffen bis zu dem aus seiner Sicht „poetischen“ Anliegen ethnologischer Dokumentationen der letzten 90 Jahre.

Politische Botschaft

Enwezor renoviert die 2002 ausschließlich zur Stützung der französischen und in Frankreich lebenden Künstler gegründete Kunstveranstaltung „La force de l'art“ (Die Macht der Kunst). Er bezeichnet sie als „Triennale“, gibt ihr eine gewollt politische Ausrichtung und weitet sie chronologisch (ab 1920) und geografisch rund um den Erdball aus. Von den 146 Triennale-Teilnehmern aus 40 Ländern sind 33 in den Vorstadt-Kunstzentren zu sehen. Wie bei den Olympischen Spielen ist Dabei-Sein entscheidend.

Enwezor geht auch mit dem Katalog, den er als „Ausstellungsführer“ (Guide de l'exposition) bezeichnet und der zum Preis von 10 Euro für jedermann erschwinglich ist, gegen den Kodex des alphabetischen Ordnungsprinzips an. Sein „Guide“ ist chronologisch nach dem Geburtsjahr der Künstler geordnet. Er beginnt mit André Gide (1869-1951) und Marc Allegret (1900-1973), die 1928 einen Film über ihre Expeditionsreise in den Kongo drehten; und er endet mit dem „Zentrum für visuelle Introspektion“, einem 2008 in Bukarest gegründeten Künstlerkollektiv. Diese (Un)Ordnung verändert die Bewusstseinsebenen des Benützers und zwingt ihn, den ganzen „Guide“ wiederholt durchzublättern.

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Begegnung mit Michael Buthe

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