Trophäe bedeutet nicht Erfolg
Fluch des Goldenen Bären

Am Abend öffnet die 57. Berlinale ihre Pforten. Rund um den Potsdamer Platz tummelt sich dann auch nationale wie internationale Filmprominenz. Ein Erfolg beim Festival bedeutet aber nicht unbedingt auch Erfolg an der Kinokasse – und das schlägt sich in der Attraktivität des Festivals nieder.

BERLIN. Die Berlinale genießt bei den Stars aus dem Palmen-Paradies Beverly Hills keinen guten Ruf. Kalt, manchmal auch eisig ist es, wenn die Filmprominenz über den roten Teppich des unansehnlichen Berlinale-Palasts am Potsdamer Platz für die Fotografen posiert. Auch in diesem Jahr wird die Zahl der Hollywood-Prominenten zur Eröffnung am Donnerstagabend überschaubar sein. „Für Hollywood-Stars ist es nun mal schwieriger, nach Berlin in den Schnee zu fliegen als nach Cannes unter Palmen“, sagte Fred Kogel, Vorstandschef der Constantin Film und früherer Sat-1-Chef, dem Handelsblatt. Doch es liegt nicht nur am scheußlichen Winterwetter, dass viele Schauspieler- und Regiestars aus Kalifornien die Berlinale nicht wirklich lieben. Es ist auch die geringe ökonomische Relevanz des Festivals. „Venedig und Cannes haben einfach eine viel größere Bedeutung“, weiß ein Filmproduzent, der nicht genannt werden will.

Der auf der Berlinale mit großem Pomp vergebene Goldene Bär ist eine Auszeichnung, die wirtschaftlich meistens folgenlos bleibt. „Die Berlinale ist wie ein Fluch für deutsche Filmmacher“, sagt ein Brancheninsider, der die Filmbranche seit Jahrzehnten kennt. Tatsächlich wirkt eine Berlinale-Auszeichnung eher wie ein Gift an der Kinokasse. Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache. Die vier deutschen Wettbewerbsfilme der Berlinale liefen in den deutschen Kinos vor weitgehend leeren Stuhlreihen. Die Ehetragödie „Sehnsucht“ lockte nur 25 000 Zuschauer an. Das Triebtäter-Drama „Der freie Wille“ kam mit 58 000 Zuschauern auf kaum mehr. Den hoch gelobten Exorzismus-Film „Requiem“ sahen nur 104 000. Selbst den Liebling auf der Berlinale „Elementarteilchen“, die Verfilmung des Romans von Michel Houellebecq mit Moritz Bleibtreu und Franka Potente, sahen lediglich 837 000 Besucher. Aber ein Film, der nicht einmal für wertvoll genug befunden wurde, um im Wettbewerb der Berlinale zu laufen, war an der Kinokasse ein Publikumserfolg. Den Stasi-Streifen „Das Leben der Anderen“, einst für den Oscar als bester ausländischer Film nominiert, sahen im vergangenen Jahr knapp 1,7 Millionen Besucher.

Die Bedeutungslosigkeit der meisten Festival-Filme an der Kinokasse lässt den Berlinale-Chef Dieter Kosslick weitgehend kalt. An Zuspruch für den Mann mit dem roten Schal und dem Schlapphut mangelt es nicht. „Ich habe Sympathie für ein mit Steuermitteln finanziertes Festival, das den kulturellen Wert eines Films in den Mittelpunkt stellt und nicht den wirtschaftlichen Erfolg“, sagt ein Aufsichtsratschef einer Filmstiftung. „Der Auftrag des Festivals ist nicht, möglichst Werbung für Blockbuster an der Kinokasse zu machen“, warnt auch Klaus Schaefer, Chef des Film-Fernseh-Fonds Bayern. Zudem käme die Berlinale als Publikumsfestival in der Hauptstadt glänzend an. „Auf der Berlinale drängt sich das Publikum in die Kinos“, sagt Schaefer.

Nicht nur in der Hauptstadt drängen wieder mehr Besucher in die Filmtheater. Der Kinobranche geht es in ganz Deutschland wieder besser. Im vergangenen Jahr gab es nach Angaben der Filmförderungsanstalt ein Besucherplus von sieben Prozent auf fast 137 Millionen Zuschauer. Der Umsatz der Filmtheater stieg um mehr als neun Prozent auf 814 Mill. Euro.

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Berlinale-Chef Kosslick liebt unterdessen das intellektuelle Possenspiel. Frankreich gehört seine Liebe. Es ist kein Zufall, dass die Filmfestspiele mit dem französischen Film „La Vie en Rose“ über das Leben der Chansonnière Edith Piaf heute eröffnet werden. Glück für die Filmfirma Constantin Film, die den Streifen in die deutschen Kinos bringt. „Musik-Biografien haben eine gute Chance. Das haben zuletzt „Ray“ oder „Walk the Line“ gezeigt“, sagte Constantin-Chef Kogel. „Ich bin vom Markterfolg unseres Edith-Piaf-Films überzeugt. Das ist großes französisches Kino.“

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