Türkei
Das  „Dazwischen“ als Geschäftsmodell

Die gesellschaftliche Aufbruchstimmung in der Türkei hat auch die Kunst erreicht. Doch noch fehlen Strukturen, die Einzelaktivitäten von Messen, Museen und Galerien zusammenbinden. Die Messe  Art Beat Istanbul zählte 30.000 Besucher, weniger als erwartet.
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IstanbulEine Arbeit aus Kesban Arca Batibekis speziell für Art Beat Istanbul Fair  www artbeatistanbul.com angefertigter Serie „Pulp Fiction: The Sequel“ war schon am Eröffnungsabend für 70.000 Euro verkauft. Böse, im Glitzerbikini über Riesenleinwände purzelnde Mädchen machen eben Eindruck. Keine könnte das wohl besser wissen, als Leila Heller, die ihre auf iranische und türkische Kunst spezialisierte Galerie vor gut zwanzig Jahren in New York gründete – und seinerzeit erst mal gründlich ignoriert wurde. Heute zählt sie zu den Etablierten und Erfolgreichen. Und findet es sehr wichtig, an einer neuen Messe in einem Markt mit – wie jeder der teilnehmenden Galeristen erwartet – enormem Potential präsent zu sein.

Die Kunst in der Boomstadt Istanbul zielt auf Türken und auf das internationale Publikum, auf die internationale wie die nationale Kunst. Schließlich liegt die Türkei an der großen Handelsstraße von Ost nach West. „Wir sind es gewöhnt dauernd zwischen zwei Stühlen zu sitzen“, bringt es  Melkan Gürsel Tabanlioglu von der Galerie Galerist auf den Punkt.

Messe für aktuelle Kunst

Über vierzig Aussteller haben sich in dem uncharmanten Messezentrum mit dem herrlichsten Blick über das Goldene Horn zusammengefunden. In großen, klassisch aneinander gereihten Kojen warteten sie mit in jeder Hinsicht breit gefächertem Angebot auf kunstbegeisterte Sammler. Und die fanden sich just in jenen Tagen zuhauf in der Stadt, die sich mit Aplomb der zeitgenössischen Kunst zugewandt hat, na ja, sagen wir mal einer Woche der zeitgenössischen Kunst.  

Das 2004 in ehemaligen Lagerhallen am Hafen eröffnete erste und bislang einzige türkische Museum für Gegenwartskunst widmet sich in einer Sonderausstellung ausschließlich den Frauen unter den türkischen Künstlern. Es ist ein Kaleidoskop geworden, das von der großen, byzantinische und moderne Elemente vereinenden Abstraktion von Fahrelnissa Zeid (1901–1991), der Grande Dame der osmanischen Kunstszene des 20. Jahrhunderts, bis zur Installation „Domestic Violence“ von Ipek Duben (*1941) reicht. Die für ihre gesellschafts- und kunstkritischen Publikationen bekannte Künstlerin reiht hier Stahltafeln in obskurer Lichtregie, bedruckt mit Zeitungsartikeln, die von häuslicher Gewalt und Ehrenmorden berichten, Stahltafeln, die bequem in einem Koffer untergebracht und in die Emigration mitgenommen werden können. Ayse Erkmen ist dabei, die in Berlin und Istanbul lebende, an der Kunstakademie Münster lehrende Konzeptkünstlerin. Sie hat mit ihrer eleganten Kanalwasseraufbereitungsanlage „Plan B“ auf der diesjährigen Biennale in Venedig einigermaßen unerwartet Furore gemacht.

Überraschendes Biennale-Konzept

Auch Istanbul hat eine Biennale, sie jährt sich in diesem Jahr zum zwölften Mal und wird anders als bisher, als historisch bemerkenswerte Orte in der Stadt bespielt wurden, erstmals in einem umfunktionierten Lagerhaus neben dem Gegenwartsmuseum veranstaltet. „Untitled“ lautet das reichlich kapriziöse Motto der beiden Kuratoren Jens Hoffmann und Adriano Pedrosa. „Untitled“ mündete dann Gott sei Dank in ein ebenso schlüssiges wie überraschendes Konzept. Basierend auf fünf verschiedenen Arbeiten oder Werkkomplexen des jung an Aids verstorbenen kubanischen Künstlers Felix Gonzales-Torres haben sie einen überaus zeitgemäßen Totentanz choreographiert, dessen Protagonisten sich mit ihren Positionen einreihen. Eine manchmal ausgesprochen irritierend stimmige Variation zum Thema Tod.

Der Tod und die Kunst

Etwa bei „Death by Gun“, wenn beispielsweise Mark Bradfords nahezu filmleinwandgroße Decollage von Plakaten in diesen Zusammenhang gestellt wird. Plakate, mit denen die Polizei von L. A. den „Grim Sleeper“, einen Serienkiller, lange Jahre gesucht hatte. Ganz ähnlich ist das im Kapitel „History“ mit dem Video „Cabaret Crusades“. Hier bildet der Ägypter Wael Shawky die grausame Erschütterung der arabischen Welt durch religiös definierte, militärische Interventionen auf eine Weise ab, die durch die Verwendung alter, sehr individuell gestalteter Marionettentypen, eindringlicher und radikaler nicht sein könnte.

Flaue Formalismen

Ein bisschen schwach ist die Interpretation „Abstraction“ geraten. Gonzales-Torres hat das allmählich versagende Immun-System eines HIV-Infizierten in einer Zeichnung („Bloodwork-Steady System“) festgehalten, die den Niedergang in einer Art Gitter, durchkreuzt von einer diagonalen Linie darstellt. Die Verdichtung einer Katastrophe, deutlich und unpathetisch. Dass sich dann rundherum die unterschiedlichsten Wiedergaben von Netzen, Fraktalen, geometrischen Anordnungen und Figurinen (Charlotte Posenenske) reihen, ist allzu formal und ästhetisch interpretiert. Saftiger wird’s, wenn mit „Ross“ (das war Gonzales-Torres’ Liebhaber) das Thema Homosexualität eine burleske Tanzeinlage liefert. Elmgren & Dragset machen das mit einem inhaltsreichen Fototagebuch à la Facebook bravourös und für moslemisches Verständnis sicherlich auch empörend.

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Das  „Dazwischen“ als Geschäftsmodell

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Frauen beherrschen den Galeriebetrieb

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