Türkei ist Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse
Buchtipp aus der Türkei: "Das Museum der Unschuld" von Orhan Pamuk

Aus Liebe wird Obsession: Ein Mann, der seine Geliebte verloren hat, sammelt Gegenstände, die ihn an sie erinnern.

Fremdes einander näher bringen und Fremdes auch im Eigenen zu entdecken - damit beschäftigen sich viele türkische Autoren, deren Bücher auf der Buchmesse vorgestellt werden.Um Freiheit ringt auch Kemal, die Hauptfigur in Orhan Pamuks neuem Roman "Museum der Unschuld". Dieser Kemal ist nämlich sehr wohl ein Sklave - ein Sklave nämlich der Leidenschaft.

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, lautet eine sprichwörtliche Weisheit. Und tatsächlich muss es Außenstehenden erscheinen, als bliebe Kemal Basmaci, dem Ich-Erzähler in Orhan Pamuks neuem Buch "Das Museum der Unschuld", diese Erfahrung nicht erspart - wenn er denn selbst sein Leben nicht anders interpretierte: "Jeder soll wissen, dass ich ein glückliches Leben geführt habe". Mit diesem Satz verabschiedet sich Kemal nach 565 Seiten von seinen Lesern.

Für ehemalige Freunde ist er zu diesem Zeitpunkt nur noch ein mürrischer alter Mann, heruntergekommen, einsam. Doch bekanntlich ist, auch das sagt der Volksmund, jeder Mensch seines Glückes Schmid - zumindest, wenn man ihm die Interpretationshoheit über sein Leben zugesteht. Genau das nimmt Kemal im Alter für sich in Anspruch.

Rückblick: Der 30-jährige Kemal entstammt einer reichen Familie. Kurz vor der Verlobung mit Sibel, auch aus gutem Haus, beginnt er eine Affäre mit einer 18-jährigen Verkäuferin. Dass der junge Mann glaubt, mit Sibel eine bürgerliche Ehe führen und Füsun als Geliebte halten zu können, zeigt seine Naivität und Obsession. Natürlich sucht Sibel das Weite. Und Füsun heiratet einen anderen Mann just in dem Moment, als sich Kemal zu ihr bekennen will.

Fortan besucht er über Jahre fast täglich ihre Familie und sammelt Gegenstände, die ihn an Füsun erinnern - vom Ohrring bis zum Salzstreuer. Nach und nach entsteht so ein "Museum der Unschuld", ein Kaleidoskop Kemalscher Passion.

Gegen Ende des Buchs bedient sich Pamuk eines ungewöhnlichen Kniffs und bringt sich selbst als Schrifsteller ins Spiel. Im Auftrag Kemals schafft er ein Stück Erinnerungskultur und verfasst den Katalog für das "Museum der Unschuld", den vorliegenden Roman: "So wie die Augenblicke durch die Linie der Zeit, so mussten die Gegenstände durch die Linie einer Geschichte verbunden werden."

Pamuks Buch ist ein wundervoller Liebesroman und ein Porträt der türkischen Bourgeoisie in den 70er Jahren mit ihrem Anspruch modern im europäischen Sinn zu sein. Soll heißen: Sex vor er Ehe, Alkoholeskapaden etc. Plaudernd widmet sich Pamuk der Phänome Zeit, Erinnerung, Vergessen, Glück, stets voll unaufdringlichem Humor und subtiler Ironie. Das ist feine Literatur von höchstem Unterhaltungswert, wie es die Leser von einem Literaturpreisträger erwarten dürfen.


ORHAN PAMUK, "Das Museum der Unschuld"

Hanser, München 2008. 565 Seiten; 24,90 Euro


Als Audiobuch: Hörverlag; München 2008

18 CDs; 49,95 Euro

Thomas Ludwig
Thomas Ludwig
Handelsblatt / EU-Korrespondent
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