Türkische Literatur
Poetisches Potenzial

Obwohl Arbeitsmigranten seit Jahrzehnten Tür an Tür mit Deutschen leben, zeigt die deutsche Leserschaft nur geringes Interesse für türkische Autoren. Selbst der Literaturnobelpreis für Orhan Pamuk konnte daran nichts ändern. Dabei illustriert bereits eine kleine Auswahl von Schriftstellern, wie vielfältig türkische Literatur eigentlich ist.

DÜSSELDORF. Armanoush, 19, hat einen Identitätskater. „Ich bin die Enkeltochter von Überlebenden des Genozids, die 1915 alle ihre Verwandten durch türkische Schlächter verloren, aber ich wurde von einem Türken namens Mustafa dazu erzogen, den Genozid zu leugnen! Was ist denn das für ein Treppenwitz?“ Ist sie nun armenische Amerikanerin oder amerikanische Armenierin? Um einen Weg aus dem Dilemma zu finden, sucht sie in Istanbul nach ihren Wurzeln – ausgerechnet bei der Familie ihres türkischen Stiefvaters. Dort trifft sie die gleichaltrige Asya, respektlos, aufmüpfig – und aufgewachsen ohne Vater. Auch sie weiß, wie es sich anfühlt mit blinden Flecken in der eigenen Geschichte leben zu müssen. Zusammen loten die beiden Teenager den Raum zwischen Erinnern- und Vergessen-Wollen aus.

In ihrem soeben – leider ohne Glossar – auf Deutsch erschienenen Roman „Der Bastard von Istanbul“ nimmt Elif Shafak den Leser mit auf eine Reise in ein Land zwischen Amnesie und Vision. Ihre klaren, ironisch-bissigen Worte haben Shafak in der Türkei einen Prozess eingebracht: Nationalisten hatten sie der „Verunglimpfung des Türkentums“ beschuldigt. Das Gericht jedoch sprach sie frei.

Tatsächlich geht die 1971 geborene Diplomatentochter in ihrem so unterhaltsamen wie lesenswerten Buch nicht nur mit der türkischen Erinnerungspolitik ins Gericht. Sie nimmt auch die Rolle der Männer aufs Korn. Und sie erteilt all jenen eine Lektion, die die Türkei als islamisches Land in der Rückständigkeit verorten wollen. „Die eigentliche zivilisatorische Kluft“, lässt Shafak ihre Protagonistin Asya sagen, „besteht zwischen den Türken und den Türken. Wir sind ein Haufen zivilisierter Städter, der von Hinterwäldlern und Bauerntölpeln umgeben ist. (...) Gott rette mich vor meinem eigenen Volk.“

Türkische Schriftsteller müssen sich der Wirkkraft ihrer Worte stets bewusst sein. Natürlich aber ist nicht jedes Wort aus ihrem Laptop dezidiert politisch – auch wenn westliche Leser das angesichts der Unzulänglichkeiten im politischen System Ankaras und des Aufeinanderprallens von Tradition und Moderne, von Islam und Laizismus bisweilen erwarten mögen.

Beispiel Serdar Özkan. Mit seinem Buch „Die Stimme der Rose“ bewegt er sich auf dem Feld der „Sinnsuche-Literatur“. Nach dem Tod ihrer Mutter lebt Diana in einem Tunnel der Depression – bis sie allen Mut zusammennimmt und den letzten Wunsch der Verstorbenen zu erfüllen sucht, nämlich Kontakt aufzunehmen zu ihrer verschollenen Zwillingsschwester. Bei einer alten, weisen Frau in Istanbul scheint Diana fündig zu werden.

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