TV-Familiensaga
„Krupp ist nicht nur mit Waffen groß geworden“

Carlo Rola, Regisseur des ZDF-Dreiteilers "Krupp - eine deutsche Familie", erklärt im Gespräch mit Handelsblatt.com, wie er sich dem Thema Krupp angenähert hat, wie die noch lebenden Familienmitglieder auf seine Recherche reagiert haben und welche Schwerpunkte er mit seinem Film setzen wollte.

Handelsblatt.com: Herr Rola, wie haben Sie sich dem Thema Krupp angenähert? Wie kommt man in so eine Geschichte rein?

Carlo Rola: Zunächst einmal über einen persönlichen Zugang - denn uns ging es ja darum, die Geschichte einer Familie zu erzählen. Ich hatte das große Glück, schon vor zwei Jahren in der Nähe von Salzburg mit Arnold von Bohlen und Halbach zu sprechen, also mit einem direkten Nachkommen der Familie Krupp. Wir haben uns über zwei Tage lang unterhalten: über seine Erinnerungen, über die Auseinandersetzungen innerhalb der Familie, über das Vermächtnis, die Traditionen und das Selbstverständnis der Krupps. Arnold von Bohlen und Halbach hat große Teile seiner Kindheit und Jugend auf Villa Hügel und Schloss Blühnbach, dem österreichischen Sommersitz der Krupps, verbracht. Er ist der Sohn von Claus von Bohlen und Halbach, also ein Neffe von Alfried Krupp, und als sein Patenkind stand er ihm auch näher als die meisten anderen Mitglieder der Familie.

Die Vorbereitung auf den Film begann also schon vor zwei Jahren?

Genau genommen hat die Auseinandersetzung mit dem Thema natürlich viel früher begonnen. Aber vor etwa zwei Jahren haben wir mit der Recherche für unser Drehbuch begonnen, weniger Vorbereitungszeit wäre für so einen komplexen Stoff auch kaum ausreichend gewesen. In der historischen Überlieferung über die Familie Krupp gibt es nach wie vor eine Menge Ungereimtheiten, ebenso wie in den zahlreichen kolportierten Geschichten. Wir haben natürlich viel Literatur über die Krupps gewälzt, aber ich hatte häufig den Eindruck, dass die entsprechenden Veröffentlichungen von Leuten stammen, die mit einer vorgefassten Meinung an das Thema herangegangen sind, aber gar keinen direkten Zugang zur Familie oder deren Nachkommen hatten.

Wie offen und freiwillig sprechen denn die Nachkommen von Alfried Krupp von Bohlen und Halbach über ihre Familiengeschichte?

Das hängt letztlich von der Haltung ab, die einzelne Mitglieder der Familie zu dieser Geschichte eingenommen haben. Meine Erfahrungen waren sehr positiv, und das hat sicher auch damit zu tun, dass wir der persönlichen Perspektive, also sozusagen der Innensicht auf die Familie, eine größere Bedeutung zugemessen haben als der Beurteilung von außen. Bei unserer Verfilmung geht es ja nicht in erster Linie um die Rolle von deutschen Industriellen in den letzten beiden Weltkriegen. Das Thema Krupp bietet viel mehr als die Frage nach der Kriegsverbrecherschaft: eine sehr traditionsbewusste Familie, ein patriarchalisches Wohlfahrtssystem, ein Weltkonzern. Bei Dreharbeiten in Afrika habe ich uralte Eisenbahnschienen gesehen, auf denen der Name Krupp aufgeprägt war. Damit ist Krupp ja groß geworden: Nicht nur mit Waffen, sondern auch mit nahtlosen Eisenbahnrädern, mit rostfreiem Stahl, mit rund 4000 wirklich innovativer Patente.

Wie sagen Sie zu den Vorwürfen, Krupp habe sich sämtlichen Staatsoberhäuptern, auch Adolf Hitler, bedingungslos angebiedert?

Da muss man einfach bedenken, dass es sich bei Krupp um eine Art Staatsindustrie handelte und nicht um einen Betrieb für den einfachen Bürger. Die Kunden von Krupp waren Regierungen, und mit denen musste man sich arrangieren. Wir gehen an diese Frage natürlich mit moralischen Ansprüchen ran, aber die passen nicht unbedingt zu der Logik von wirtschaftlichen Entscheidungen. Ob damals oder heute, Waffen werden nicht aus ideologischen Gründen hergestellt oder verkauft, sondern um Geld zu verdienen und seine Angestellten weiter beschäftigen zu können.

Das heißt, Krupp konnte gar nicht anders handeln?

Theoretisch kann man immer anders handeln als es praktisch erforderlich ist. Ich finde es interessant, einen Blick auf die damaligen Verhältnisse zu werfen. Kaiser Wilhelm II. war versessen auf alles Militärische, Hitler wollte für einen Weltkrieg aufrüsten - und Krupp hat sich auf diese Bedürfnisse eingestellt, um als Firma überleben zu können.

Wie lange war denn die Drehzeit für den Film? Und warum haben Sie nicht in der Villa Hügel gedreht?

Wir haben insgesamt 80 Tage gedreht. Nicht in der Villa Hügel, sondern in einem Schloss in Nordrhein-Westfalen. Die Innenausstattung stammt aus zeitgenössischen Einrichtungen in verschiedenen Motiven aus ganz Deutschland. Die Villa Hügel ist heute teilweise Museum, teilweise Archiv, es gibt dort feste Termine und andere zahlreiche Einschränkungen, die uns den Dreh sehr erschwert hätten.

Gibt es bestimmte Schwerpunkte, die die Verfilmung setzt?

Der Film ist eine Art Zeitchronik über eine Industriellenfamilie. Die Geschichte der Krupps ist ein wenig vergleichbar mit der der Kennedys. Wir haben versucht, einen unbefangenen und persönlichen Zugang zu eröffnen und den moralischen Zeigefinger weg zu lassen.

Warum befasst sich der Film vor allem mit der Zeit von 1900 bis 1960 und nicht mit dem Aufstieg der Familie Krupp?

Es werden im Ansatz auch Episoden aus der Zeit vorher gezeigt, etwa die Erfindung der berühmten Eisenbahnradreifen. Aber letztlich hat uns das Schicksal der Familie im 20. Jahrhundert am meisten fasziniert, weil da aus einer Erfolgsgeschichte ein echtes Drama wird.

Wie viel in dem Film ist historisch belegt und wie viel ist Fiktion?

Wir haben eng mit Historikern zusammen gearbeitet und dabei festgestellt, dass vieles in der Forschung nach wie vor heiß umstritten ist. Alles, was wir sicher wissen konnten, ist in den Film eingeflossen. Aber wir waren eben nicht dabei und daher ist es unsere Aufgabe, diese Lücke zu füllen: mit Fiktion oder Dramatisierung, wenn man so will. Vor allem im privaten Bereich ergab sich das von selbst, dass wir anhand der Fakten zu rekonstruieren versucht haben, wie Alfried gedacht und gefühlt haben mag und wie er so geworden ist, wie er war. Diese Spurensuche kann man mit der Geschichte von Oliver Stone über die Kennedy-Familie vergleichen. Auch da gab es ja viele Ungereimtheiten und unterschiedliche Meinungen.

Was steht denn nun genau im Mittelpunkt des Films?

Es geht vor allem um die Biographie von Alfried, dem "letzten Krupp". An seinem Lebenswerk, seinen Erfolgen und seinem Scheitern wird die Geschichte der Familie Krupp erzählt.

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