TV-Zuschauer streiken in Italien
Demo für ein besseres Programm

Halbnackte Tänzerinnen, alte Moderatoren, Reality-Shows und fast täglich Talkshows mit den immer gleichen Politikern, die sich gegenseitig anschreien – Italiens Fernsehzirkus geht auch den Italienern selbst zu weit. Nun proben die Zuschauer erneut den Aufstand.

MAILAND. Mehr als dreißig alte Fernseher türmen sich gestern auf dem Bordstein, zusammengebunden mit einem breitem roten Geschenkband mit einer großen Schleife. „Streik der Fernsehzuschauer“ steht in großen Lettern auf einem Banner, das im kalten italienischen Wind über dem Bildschirm-Haufen steht. „Lieber Minister Gentiloni, schenke uns einen Tag ohne Fernsehen“ steht auf einem Plakat aus braunem Packkarton, das an den Geräten lehnt. Fünfzig Meter weiter liegt der Mailänder Sitz des Ministeriums für Kommunikation, dem Paolo Gentiloni vorsteht.

„Wir demonstrieren für mehr Qualität im Fernsehen“, erklärt Beniamino Saibene, einer der Gründer der Initiative „Esterni“, die die Italiener aufruft, als Protest einen Tag lang ganz auf die schwarze Kiste zu verzichten.

Auch mit Werbung werden Italiens Zuschauer stärker zugeballert als es das Gesetz erlaubt. Die EU-Kommission untersucht bereits, ob Italiens Sender das Limit von zwölf Minuten Werbung pro Stunde überschreiten und ob sie sich an die Mindestgrenze von 20 Minuten Film zwischen zwei Werbeblöcken halten.

Dabei richtet sich die Kritik der Streikinitiative ebenso gegen die öffentlichen Sender der Rai wie gegen die privaten Sender von Silvio Berlusconis Mediaset. „Das Programm ist überall gleich schlecht“, sagt Saibene, der sich mit warmer Cordhose, Mütze und Schal gegen die eisige Kälte an diesem sonnigen Wintertag schützt.

Begonnen hat alles mit einer Initiative vor ein paar Jahren in Mailand. Wieviele mitmachen, ist schwer festzustellen. Doch im vergangenen Jahr haben immerhin 600 000 Zuschauer ihre Teilnahme an dem Streik per Mail bestätigt. Dunkelziffer unbekannt.

Kultur statt Fernsehen. Unter diesem Motto ist für 2008 der ganz große Auftritt geplant. Landesweit wollen insgesamt 360 öffentliche Museen und Theater an einem Tag ihre Türen öffnen, um die Menschen von der Couch in die Kulturstätten zu bewegen. Reduzierter Eintritt gegen Vorlage der Fernbedienung. Hinzu kommen zahlreiche private Initiativen in Kneipen und Kinos. In Mailand werben die Organisatoren noch um die Unterstützung des Kultur-Beauftragten der Stadt.

Das größte Problem der Organisatoren: Ihre Initiative bekannt zu machen. Ihr wichtigstes Medium ist das Internet. Zeitungen und Radiosender berichten zwar über den Aufruf. Aber das allmächtige Fernsehen schweigt – aus eigenem Interesse. Schließlich haben die Sender aus ihren Fehlern gelernt: 2005 hat der bekennende Berlusconi-Fan und Anchorman der Nachrichtensendung TG4 Emilio Fede den Streikaufruf in seiner Sendung live vorgelesen, um sich zu entrüsten und die Zuschauer davon abzuhalten, teilzunehmen. Das Ergebnis war unausweichlich: Es war der größte Erfolg in der Geschichte des italienischen Fernsehstreiks.

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
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