Überhitzt der Markt?
Kunstmarkt im Goldrausch

Die großen Auktionshäuser Christie's und Sotheby's erzielten Rekordumsätze in ihren jüngsten Auktionen, Sammler sind bereit, haarsträubende Summen für ein einzelnes Gemälde zu zahlen: Der Kunstmarkt boom, wie seit Ender der 80er nicht mehr. Längst ist in der Szene von einem neuen „Goldrausch“ die Rede.

HB LONDON. Das Ergebnis eines einzigen Abends im Londoner Auktionshaus Christie's: 87 Mill. Pfund, umgerechnet 127 Mill. Euro. Bei der Konkurrenz von Sotheby's, einen Abend zuvor und nur wenige Straßen weiter: 130 Mill. Euro - alles für impressionistische und moderne Kunst. Und zu Beginn dieser Woche meldete die „New York Times“, dass sich der Kosmetik-Unternehmer Ralph Lauder ein einziges Bild umgerechnet 107 Mill. Euro kosten ließ. Die „Goldene Adele“ von Gustav Klimt (1862-1918) wurde damit zum teuersten Gemälde der Welt.

Alles Belege dafür, dass der internationale Kunstmarkt boomt wie seit dem Ende der 80er Jahre nicht mehr. Besonders hoch im Kurs stehen die Impressionisten und die Klassiker des frühen 20. Jahrhunderts. Für ein wiederentdecktes Gemälde von Egon Schiele („Herbstsonne“) aus dem Jahr 1914 wurden am Dienstagabend bei Christie's 17,2 Mill. Euro gezahlt - der zweithöchste Preis für ein Schiele-Gemälde überhaupt. Aber auch mit Gegenwartskunst werden rekordverdächtige Einnahmen gemacht.

Längst ist in der Szene von einem neuen „Goldrausch“ die Rede. Das Geschäft mit der Kunst hat eine Geschwindigkeit bekommen, die der wirtschaftlichen Entwicklung um einiges voraus ist. Deshalb verfolgt einige die Sorge, dass der Markt schon wieder überhitzt. Aber im Moment beherrschen noch die Optimisten das Feld. Der Leiter der eben beendeten Kunstmesse „Art 37“ in Basel, Samuel Keller, zum Beispiel meint: „Der Kunstmarkt zeigt sich in einem ausgezeichneten Zustand. Die Branche hat so viel Kraft wie nie zuvor.“

Die Gründe dafür sind vielfältig. Zum einen geht es mit der Wirtschaft vielerorts seit Jahren bergauf, so dass reichlich Geld vorhanden ist. Zum anderen macht sich auch auf dem Kunstmarkt die Globalisierung immer stärker bemerkbar. Die Szene ist erstmals tatsächlich weltumspannend vernetzt. Häuser wie Sotheby's oder Christie's nutzen inzwischen alle Kommunikationsstränge, um bei der verhältnismäßig kleinen Gruppe an superreichen Sammlern auf ihr Angebot aufmerksam zu machen.

„Man verkauft kein Bild, indem man einen Werbespot im Fernsehen schaltet“, sagte Sotheby's-Manager Philip Hook kürzlich der „Financial Times“. Aber gute Kunden werden rund um den Globus mit regelmäßigen E-Mails, handgeschriebenen Briefen und Einladungen zu privaten Besichtigungsterminen verwöhnt.

Manchmal geht ein Bild sogar auf Reisen. Das Porträt, das Amadeo Modigliani (1884-1920) von seiner letzten Geliebten Jeanne Hébuterne malte, schickte Sotheby's bis zu einem Privatmann in die USA, der es sich dann schon einmal an die Wand hängen konnte. Ob der Amerikaner dann auch für 21,4 Mill. Euro den Zuschlag bekam, blieb offen. Wie in den meisten Fällen wollte der Käufer anonym bleiben.

Im Unterschied zu früheren Boom-Jahren kommen die Sammler aber nicht mehr fast ausschließlich aus Europa, Japan oder den USA. Die neue Kundschaft hat ihr Geld in Ländern wie Russland, China oder Indien gemacht. Und neuerdings legen die Sammler nicht mehr so viel Wert darauf, bei der Versteigerung persönlich dabei zu sein. Bei Sotheby's waren diese Woche fast hundert Bieter nur telefonisch im Rennen. Die zweistündige Auktion endete dann in einem halb leeren Raum, und das letzte Bild blieb unverkauft.

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