Übersetzung ist da
Nádas „Parallelgeschichten“ um Katastrophen und Sex

Die mit Spannung erwartete Übersetzung von Péter Nádas' Roman „Parallelgeschichten“ ist da. Der Ungar erzählt von Geschichtskatastrophen des 20. Jahrhunderts beschreibt dabei eines besonders detailliert: Sex.
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Reinbek/HamburgOb die Nobeljuroren diese 1700 Seiten schon hinter sich haben? Einiges spricht dafür. Deutschsprachige Leser können jetzt Péter Nádas' Ausnahmebuch „Parallelgeschichten“, mehr als sechs Jahre nach Erscheinen des ungarischen Originals, mit Blick auf den berühmtesten Literaturpreis der Welt lesen. Ihnen steht eine anstrengende, oft verstörende, aber auf jeder Seite schon allein durch die Musik der Sprache unvergessliche Lesereise bevor.

Labyrinthisch vertrackt führt sie zu Lebensstationen einer enormen Personengalerie aus Nádas' ungarischer Heimat und aus Deutschland. „Nebenbei“ ist dies auch ein monumentales Buch zu den großen Geschichtskatastrophen der durch den Holocaust verzahnten Vergangenheit beider Länder. Die Zeitspanne reicht vom Ersten Weltkrieg bis zum Ende des Kalten Krieges.

Die Kunde von diesem gewaltigen Werk ist sicherlich schon vor einiger Zeit nach Schweden durchgedrungen. Denn der 69 Jahre alte Nádas galt vor der Vergabe des Literaturnobelpreises im vergangenen Herbst (an Tomas Tranströmer) als Mitfavorit auf die höchste Auszeichnung der literarischen Welt. Preiswürdig ist auch die nicht hoch genug zu lobende Übersetzung von Christina Viragh ins Deutsche.

Nádas lockt den Leser mit einem Thriller-Auftakt: Der verstörte Student Döhring findet beim Joggen im Berliner Tiergarten 1989 die Leiche eines Mannes. Der grummelige Kommissar Kienast hat den jungen Mann in Verdacht. Dann aber taucht der Mordfall erst 1350 Seiten später wieder auf. Am Ende wird man nicht mal wissen, höchstens ahnen, wer der Ermordete war.

Nádas erzählt in stetem Wechsel von allen möglichen Menschen rund um die deutsche Familie Döhring und die ungarischen Lippay-Lehrs. Junge Trickser aus der Oberschicht des poststalinistischen Ungarn. Deutsche Wissenschaftler bei Nazi-„Zuchtprogrammen“. Ältere Budapesterinnen, die der Judenvernichtung entgangen sind. Beim Kampf dieser Figuren um Überleben, Zusammenhalt, Glück, Sinn, aus dem nicht selten Verrat wird, ist nicht immer leicht entschlüsselbar, wie sie miteinander zu tun haben. Plötzlich heißt nach 900 Seiten, in einer an Trauer um zerstörtes Leben kaum zu überbietenden KZ-Geschichte, ein SS-Mann Döhring. Wie der Student aus dem ersten Kapitel.

Sogar in der KZ-Geschichte mit einem politischen und einem kriminellen Häftling als „Paar“ wagt sich Nádas an die detaillierte Darstellung sexueller Aktivitäten und anderer Körperfunktionen, über die sonst lieber geschwiegen wird. „Der Körper vergisst nicht“, heißt es gleich am Anfang. Nádas will diese „andere“, unterdrückte Seite des menschlichen Sensoriums so ausführlich und präzise wie möglich zum Sprechen bringen. Das führt zur Marathon-Darstellung einer mehrtägigen Sexorgie, ohne Nähe oder Liebe, zwischen zwei Hauptpersonen, Ágost und Gyongyvér, über hundert Seiten. Kein Muskelstrang, kein Sekret bleibt unerwähnt.

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Nádas „Parallelgeschichten“ um Katastrophen und Sex

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Mutige Ideen und sprachliche Brillianz

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