Uhren
Hand oder Fabrik

Wie viel Fingerfertigkeit macht die Uhr zur Manufaktur-Uhr? Der Begriff Manufaktur bedeutet trotz aller Handarbeit in der Sprachregelung der Uhrenbranche heutzutage etwas anderes. Eine Abrechnung mit einem Mythos.

Mit mechanischen Uhren verbindet man gemeinhin romantische Vorstellungen: den Uhrmacher, der mit einer Lupe im Auge winzige Werkbestandteile fräst, schleift und ziseliert, schließlich mit sandkorngroßen Schrauben zusammensetzt und nach wochenlanger kontemplativer Arbeit aus seiner Klause auftaucht, um die fertige Uhr zu präsentieren. Und in der Tat werden heute Uhren hergestellt wie vor hundert Jahren, aber schon damals war die Uhrmacherei ein arbeitsteiliges Geschäft.

Den Erfolg der Schweizer Uhr begründeten im 18. Jahrhundert nicht alleine einzelne geniale Macher. Vielmehr spielten viele Spezialisten zusammen, um Zeitmesser in hoher Qualität in Serie herzustellen. Die einen produzierten Zahnräder, die Zweiten bogen Federn zu Spiralen, die Dritten feilten aus Messingrohlingen winzige Hebel. Ein willkommener Nebenerwerb für die armen Bauern und Landarbeiter im Neuenburger Jura. Die Herstellung dieser kleinen Teile ließ sich leicht in Heimarbeit bewerkstelligen, und der Transport zu den Uhrmachern war ebenso einfach. Die Uhrmacher konnten sich ganz auf ihre Kernkompetenzen beschränken: die Konstruktion von Werken und den Zusammenbau der Einzelteile.

Auch im sächsischen Glashütte dachte man so. Mit finanzieller Unterstützung des sächsischen Königs bildete Ferdinand Adolph Lange Mitte des 19. Jahrhunderts in dieser schon damals strukturschwachen Region im Erzgebirge Spezialisten aus, die sich später selbstständig machten und die örtlichen Uhrmacher mit Komponenten belieferten. Damals wurden die Chronometer tatsächlich von Hand, ja von vielen Händen gemacht, ganz im Sinne des Wortes Manufaktur, das sich aus den lateinischen Begriffen „manus“ (die Hand) und „factura“ (das Machen) zusammensetzt.

Quasi Hand in Hand arbeiteten die Gebrüder Junghans in ihrer Uhrenfabrik, die sie 1864 im württembergischen Städtchen Schramberg gründeten. Sie griffen auf Vorbilder aus Amerika zurück und führten so die Massenproduktion ein. 1868 landete in Schaffhausen Florentine Ariosto Jones, ein Uhreningenieur aus Boston, der die Wasserkraft des Rheins und die gut ausgebildeten Fachkräfte des Billiglohnlands Schweiz zur Massenproduktion von Qualitätsuhren für den amerikanischen Markt nutzte. Unter dem Dach der International Watch Company, kurz IWC, vereinigten sich industrielle Produktion von Komponenten und die nach wie vor handwerklich organisierte Uhrmacherei.

An dieser Arbeitsweise einer Manufaktur hat sich bis heute nichts Grundsätzliches verändert, nur dass die Maschinen für die Bauteilfertigung größer, teurer und präziser sind. Die computergesteuerten Fräsen arbeiten auf Tausendstel-Millimetergenau, ebenso die Schneidemaschinen, deren Schnittdrähte dünner sind als ein menschliches Haar.

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