Kultur + Kunstmarkt
Umfassende Francis-Alÿs-Ausstellung im Wolfsburger Kunstmuseum

In der deutschen Kunstszene erlebt Francis Alÿs derzeit eine Ehrung nach der anderen. Der in Mexiko-Stadt lebende belgische Künstler, der auf ungewöhnliche Art soziale Lebensverhältnisse kritisch zum Thema macht, erhielt in Berlin den erstmals verliehenen und mit 77 000 € sehr hoch dotierten internationalen Kunstpreis „blueorange“

dpa WOLFSBURG. In der deutschen Kunstszene erlebt Francis Alÿs derzeit eine Ehrung nach der anderen. Der in Mexiko-Stadt lebende belgische Künstler, der auf ungewöhnliche Art soziale Lebensverhältnisse kritisch zum Thema macht, erhielt in Berlin den erstmals verliehenen und mit 77 000 € sehr hoch dotierten internationalen Kunstpreis „blueorange“

Zudem zeigt der Martin-Gropius-Bau in der Hauptstadt eine kleine Ausstellung. Im Kunstmuseum Wolfsburg wird an diesem Samstag die erste große Einzelausstellung des Künstlers in Deutschland eröffnet.

„Die Beziehung zwischen Leben und Kunst wird auf originelle Art ins Rampenlicht gerückt“, sagte Museumsdirektor Gijs van Tuyl am Donnerstag in Wolfsburg bei der Vorstellung der Ausstellung „Walking Distance from the Studio“.

Fünf Videoinstallationen, drei Diashows, mehrere Skulpturen und eine Vielzahl von Fotos und Zeichnungen zeigt das Museum bis zum 28. November. Alle Exponate sind in den vergangenen sieben Jahren im Radius von etwa zehn Häuserblocks rund um das Atelier des belgischen Künstlers in Mexiko-Stadt entstanden. „Francis Alÿs beobachtet seit fast 20 Jahren die sozialen Situationen in Mexiko City, erforscht sie und webt daraus Fabeln, die dem Urbanen eine mythische Dimension verleiht“, sagte van Tuyl. Nicht das Globale, sondern das Lokale steht im Mittelpunkt des Interesses.

Damit gewährt Alÿs zwangsläufig auch einen Blick in Alltagssituationen einer südamerikanischen Großstadt. So erwecken schlafende Obdachlose die Aufmerksamkeit des Künstlers oder eine wehende Plastiktüte, ein anderes Mal verfolgt er mit der Kamera den für zwölf Stunden wandernden Schatten einer Fahnenstange und wie sich die Menschen mit und um den Schatten bewegen. Manche Videos wirken geradezu folkloristisch, andere politisch - im Mittelpunkt stehen jedoch immer die Menschen und ihr Leben in der Stadt, oft ist auch der Künstler selbst zu sehen.

Der Titel der Ausstellung sagt bereits viel über die Arbeitsweise des studierten Architekten aus. Auf Spaziergängen durch sein Viertel sammelt er die Ideen für seine Arbeiten. Fotos, Skizzen, Zeitungsausschnitte und andere Spuren, die ihn inspirierten, sind zu den Kunstwerken in Wolfsburg ebenfalls ausgestellt. „Höchstens zehn Prozent der Archivmaterialien sind hier„, sagte Alÿs, aber der Besucher könne durch diese Fundstücke dennoch nachvollziehen, was ihn jeweils bewogen hat.

Die Verleihung des „blueorange“-Preise an Alÿs belegt einmal mehr das Gespür van Tuyls für moderne Kunst. Die Verhandlungen und Planungen für die Ausstellung in Wolfsburg hatten lange vor der Jury- Entscheidung stattgefunden. Unter der Leitung von van Tuyl hat sich das vor zehn Jahren eröffnete Wolfsburger Kunstmuseum schnell auch international einen Namen gemacht. Die Alÿs-Ausstellung ist nun eine der letzten in Wolfsburg unter seiner Leitung. Zum 1. Januar 2005 verlässt der gebürtige Niederländer Wolfsburg, um in Amsterdam die Leitung des renommierten Stedelijk Museum zu übernehmen.

Im Berliner Martin-Gropius-Bau ist bis zum 18. Oktober eine der neusten Arbeiten von Alÿs zu sehen, die Video-, Raum- und Klang- Installation „Ensayo I“ sowie einige Skizzen, Modelle und Notizen. Das Preisgeld hat Alÿs komplett gestiftet - vor allem an ein Schulungszentrum für Straßenkinder und an eine mexikanische Künstlergruppe.

Der Ausstellungskatalog (160 Seiten, zahlreiche Fotos) kostet 19 €.

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