Unter Bonner Diplomaten keine Stunde Null
Konrad Adenauers Diplomaten

Sie vom Auswärtigen Amt halten mir zu eng zusammen. Sie wissen, dass ich ein neues Amt aufbauen möchte, das mit den alten Leuten möglichst wenig zu tun hat", sagte Konrad Adenauer schon 1949. Das Misstrauen des Bundeskanzlers war begründet. Denn wie der Historiker Hans-Jürgen Döscher aufzeigt, gab es unter den Bonner Diplomaten keine Stunde null. An zahlreichen Fallbeispielen von Beamten in zentralen Positionen belegt er Kontinuitäten, die schon damals reichlich Zündstoff für innen- und außenpolitische Debatten boten.

Als erster Wissenschaftler hatte Döscher Einblicke in die geheimen oder vertraulichen Protokolle der Untersuchungsausschüsse aus dieser Zeit nehmen können. Er belegt das krasse Missverhältnis zwischen Anspruch und Realität in der jungen Bonner Demokratie. Ehemalige Nationalsozialisten sollten weder Botschafterposten im Ausland noch Einfluss auf die personellen Entscheidungen nehmen können. Doch die Reaktivierung einstiger Berufsdiplomaten ließ all diese Grundsätze rasch zur Makulatur werden. Verantwortung dafür trug Adenauers persönlicher Referent Herbert Blankenhorn, selbst ein ehemaliges NSDAP-Mitglied und Angehöriger des von Hitlers Außenminister Ribbentrop geführten Ministeriums. Als die Alliierten grünes Licht für die Schaffung des Auswärtigen Amtes gaben, waren bereits alle Schlüsselpositionen von ehemaligen "Wilhelmstraßlern", dem Sitz des alten Außenministeriums in Berlin, besetzt.

Mit der Begründung, dass sich ein professioneller Aufbau nur durch das Know-how und die Berufserfahrung bewährter Mitarbeiter gewährleisten ließe, wurden infolge mangelhafter politisch-parlamentarischer Kontrolle vom Referatsleiter aufwärts alle Dienstgrade mit Beamten besetzt, die zu 65 Prozent ehemalige NSDAP-Mitglieder waren.

Rasch wurde dies zum Politikum, als die Presse die Wiederverwendung von 21 namentlich genannten Diplomaten mit NS-Vergangenheit kritisierte. Ein Untersuchungsausschuss wurde eingerichtet. Dabei kamen ungeheure Nachlässigkeiten zu Tage: "Frisierte" Angaben über Partei- und SS-Zugehörigkeit und gegenseitig erstellte Bescheinigungen über vermeintliche Widerstandstätigkeit. Doch bindend für die Bundesregierung waren die Untersuchungsergebnisse nicht, die Beschuldigten wurden meist wieder rehabilitiert.

Die profunde Sachkenntnis des Autors sowie eine deutliche Sprache ermöglichen dem Leser spannende Einblicke in das filigrane Geflecht einer "Verschworenen Gesellschaft", die in den Jahren des Aufbaus der Bundesrepublik das Auswärtige Amt als ihren Erbhof betrachtete und oftmals mehr durch Anpassungsfähigkeit als durch Professionalität auffiel.

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