Unternehmer in der Kunst
Patriarchen, Ausbeuter und Machtmenschen

Selbstbewusst wie einst die Fürsten ließen sich Unternehmer früher porträtieren. Weil Beständigkeit zu ihrem Erfolg beitrug, ist die Bildsprache nur in Ausnahmen modern. Ein Überblick.
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DÜSSELDORF. Breitbeinig, mit durchgedrücktem Kreuz und leicht abschätzigem Blick steht Walther Rathenau (1867- 1922) da. Edvard Munch, der expressive Maler aus Norwegen sorgt in Berlin für Skandal und Aufregung mit psychologisch eindringlichen Bildern und einer locker lässigen Malweise. Den Sohn des Industriellen und AEG-Gründers Emil Rathenau hat er 1907 in Untersicht gemalt. Das macht den groß gewachsenen 40-Jährigen im Dreiteiler noch distanzierter.

Walther Rathenau, der seit 1904 u.a. im Aufsichtsrat der AEG sitzt, steht raumgreifend und zugleich nonchalant da. "Das charakterisiert den modernen Machtmenschen", beobachtet Dominik Bartmann, Abteilungsdirektor Ausstellungen in der Stiftung Stadtmuseum Berlin. Das Großformat wurde 1993 für eine der Vorgängerinstitutionen, das Märkische Museum, von den Erben Munchs für 3,9 Mio. DM gekauft. Mitfinanziert haben es u.a. die Ernst von Siemens Kunststiftung und die Kulturstiftung der Länder.

Das Unerhörte an der modernen Interpretation eines traditionellen Ganzfigurenbildnisses ist der Schatten an der Wand. Damit fasst Munch die Widersprüchlichkeit in Rathenaus Wesen in ein Bild: als Jude und Homosexueller fühlt er sich doppelt ausgegrenzt. Für Bartmann spielt der angedeutete weibliche Akt "auf Magnus Hirschfelds These von der weiblichen Seele an, die bei vielen Homosexuellen in einem männlichen Körper gefangen ist".

Siemens wirkt wie ein Titan

Und wie gefiel dem erfolgreichen Industriellen der tiefe Einblick in seine Seele? "Er fand sich schlagend getroffen", erzählt Bartmann und gibt Rathenaus eigene Einschätzung zum Besten: "Ein ekelhafter Kerl, nicht wahr? Das kommt davon, wenn man sich von einem großen Künstler malen lässt, da wird man ähnlicher, als man ist."

Der Geschäftsmann, der sich von einem Künstler seiner Zeit konterfeien lässt, kann auf eine Tradition zurückblicken, die ins 16. Jahrhundert zurückreicht. Wie Kaiser und Würdenträger haben auch Fernhändler, Bankiers und Fabrikanten Interesse daran, ein genaues Bild von sich zu überliefern. Ein Porträt muss frisch und lebensnah wirken. Da bleibt nicht viel Spielraum für stilistische Experimente. Die Bildsprache ist meist konservativ und nur in Ausnahmen modern.

Den Erfolg halten die Künstler in visionärem Blick und stolzer Haltung ihrer Auftraggeber fest. Das gilt für die wachen Augen von Fritz Henkel (1848-1930), dem Düsseldorfer Waschmittelfabrikanten, und von Franz Haniel (1779-1868), dem Unternehmer, der 1847 mit der Zeche Zollverein die Kokskohle erschließen konnte. Der Verleger Rudolf Mosse (1843-1920) ist zwar einer der reichsten Preußen im Kaiserreich. Doch der Malerfürst Franz von Lenbach inszeniert sein Bildnis mit imperialer Würde - doch ganz ohne Attribute seines Reichtums.

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