Unwort des Jahres
„Gutmensch“ – die Perversion des Anständigen

Die Wahl von „Gutmensch“ zum Unwort des Jahres ist treffend – doch am rechten Rand wird diese Botschaft ungehört verhallen. Das ist kein Versäumnis der Sprachwissenschaftler – sondern der Politik. Ein Kommentar.
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Nach „Lügenpresse“ nun „Gutmensch“: Die Darmstädter „Sprachkritische Aktion“ bleibt ihrer Linie treu und wählt zum zweiten Mal in Folge eine Standard-Floskel aus dem Umfeld von AfD und Pegida zum Unwort des Jahres. Die Wahl ist gut und richtig, denn der Begriff setzt Ehrenamtler herab und schürt Vorurteile. Doch bleibt die Unwort-Wahl reine Symbolik.

Sie passt zum Umgang der Großen Koalition mit den Spinnern vom rechten Rand: Man beklagt eine Verrohung von Sprache und Sitten, insbesondere im Netz – jedoch nicht ohne im nächsten Halbsatz hinterherzuschieben, man habe durchaus Verständnis für die Sorgen derjenigen, die Wörter wie „Lügenpresse“ und „Gutmensch“ verwenden.

Es ist unerträglich, wenn ehrenamtliche Helfer durch diesen Begriff als dumm und naiv diffamiert werden und ein im Kern positiv besetzter Ausdruck – „guter Mensch“ – pervertiert wird. Kaum auszudenken wo das Land in der Flüchtlings-Krise stünde, gäbe es die große Schar freiwilliger Helfer nicht. Allein, die Wahl von „Gutmensch“ zum Unwort des Jahres wird die Zahl der Anfeindungen gegen eben jene Helfer nicht reduzieren. Und Am rechten Rand wird die Botschaft ungehört verhallen.

Die Sprachwissenschaftler trifft keine Schuld. Ihre Aktion bleibt ein wichtiges Zeichen gegen die sprachliche Verrohung. Vielmehr ist die Politik gefordert, sich noch deutlicher von denjenigen zu distanzieren, die gegen Flüchtlinge und ehrenamtlich Helfer hetzen. Sie muss klar machen: Wer „Lügenpresse“ oder „Gutmensch“ verwendet, offenbart seine Nähe zu völkischem Gedankengut. Im demokratischen Diskurs hat er sich damit disqualifiziert.

Aus wahltaktischer Sicht ist es nachvollziehbar, dass Teile der Union immer mehr Verständnis signalisieren für jene, die sich „besorgte Bürger“ nennen – noch so ein Unwort, das auf den Index gehört, weil es die Seriosität von rechten Sprücheklopfern suggeriert. Alle demokratischen Parteien müssen sich dieser zutiefst undemokratische Strömung entgegenstellen.

Kommentare zu " Unwort des Jahres: „Gutmensch“ – die Perversion des Anständigen"

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  • Diese Jury zeigt, wes Geistes Kind ihre Mitglieder sind. Das Wort Gutmensch trifft so sehr ins Mark einer bestimmten Zielgruppe, wie kaum ein zweiter Begriff. Ich als Schlechtmensch schließe mich dem Kommentar der Neuen Osnabrücker Zeitung voll an.

  • Der Unterschied zwischen einem "Gutmensch" und einem "guten Menschen" besteht darin, dass der "gute Mensch" sich selbst zum richtigen Handeln gefordert sieht, während der "Gutmensch " sich zur moralischen Instanz erhebt und jedwede Forderung an eigenes Tun und Handeln von sich weist.
    Die Unterscheidung ist somit sachlich durchaus gegeben.
    Vielleicht könnte man den "Gutmensch " zum Unmensch des Jahres küren. Auch wenn es etwas übertrieben wäre- es hätte was oder ?

  • Wenn die "Lügenpresse" (2014) "Gutmensch" (2015) zum Unwort erklärt, dann ist das eklige "Politische Korrektheit" (2016).

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