US-Autoren
Die Welt vereint gegen Amerika

US-Autoren spüren der virulenten Ablehnung nach, die der einzigen Supermacht verstärkt entgegenschlägt. Zwei neue Bücher versuchen, den überraschend schnell stärker gewordenen Anti-Amerikanismus und dessen Konsequenzen zu vermessen.

BERLIN. Während einer Podiumsdiskussion kommt die Frage auf, wie die Industrieländer die Abwanderung von Finanzinvestoren in Steuerparadiese verhindern könnten. Spöttisch wirft der Moderator ein: "Die Lösung kann ja kaum sein, dass Bush auch noch auf den Cayman-Inseln einmarschiert." Schallendes Gelächter im Saal.

Das ist keine Fiktion, sondern vor ein paar Tagen so geschehen in Berlin. USA, Bush, einmarschieren: das ist eine feste Assoziationskette geworden, auch in den gehobenen Kreisen der Gesellschaft. Die USA treten das Erbe der Sowjetunion an, was die Rolle des Bösewichts im kollektiven Bewusstsein angeht. Und das längst nicht nur in Deutschland: Die USA haben ein Image-Problem gegenüber Briten, Franzosen, Spaniern, Italienern, Türken, ihren wichtigsten Alliierten; Polen, Tschechen und Ungarn, also jungen Demokratien, die sie vor kurzem noch bewunderten; Asiaten, den aufstrebenden Wirtschaftsmächten, und den muslimischen Nationen. Kurz: Die USA haben ein Problem mit der ganzen Welt.

In den Vereinigten Staaten wird das zunehmend erfasst. Zwei neue Bücher versuchen, den überraschend schnell stärker gewordenen Anti-Amerikanismus und dessen Konsequenzen zu vermessen. Julia E. Sweig vom prestigeträchtigen Council on Foreign Relations in Washington sieht darin viel mehr als nur eine "ephemere Anomalie mit vernachlässigbaren Konsequenzen": Hier würden die amerikanische Führungsfähigkeit sowie nationale und internationale Sicherheit "auf Jahrzehnte hinaus" geschwächt. Entsprechend ernst setzt Sweig sich in "Friendly Fire" mit dem Phänomen auseinander. Für sie gilt nicht mehr die übliche Erklärung vieler US-Politiker, wonach Anti-Amerikanismus nur nach außen gewendete Frustrationen, Ohnmachtsgefühle und Selbsthass von Nationen seien, die politisch und wirtschaftlich versagen: "Seit 2003 kann man nicht mehr davon sprechen, dass Anti-Amerika die Kreation ,der anderen? sei, es ist auch unsere eigene."

Sweig sieht den Irak-Krieg und die Folgen als extremen Verstärker antiamerikanischer Einstellungen, doch sei dies vor einem Hintergrund langer Erfahrungen mit US-Politik zu sehen, die Amerika selber ausblende. Amerika habe zwar im Kalten Krieg gesiegt, doch sei seine moralische Autorität in dieser Zeit langsam untergraben worden: Indem die USA 1953 den iranischen Premier Mossadegh stürzten, die Ermordung Lumumbas 1961 im Kongo befürworteten, autoritäre Regierungen in Südkorea bis in die achtziger Jahre unterstützten, mit dem Diktator Marcos auf den Philippinen kollaborierten, in einem schmutzigen Krieg in Vietnam kämpften, Stellvertreterkriege in Angola und Mosambik führten und das Apartheidregime in Südafrika umarmten. "Diese Episoden sind aus dem kollektiven Gedächtnis der USA verschwunden", doch sie hätten die Saat der heute sichtbaren Rebellion gegen die USA enthalten, die mit dem Irak-Krieg emporwuchs.

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