US-Buch
Macht und Ohnmacht der Finanzmarkt-Diplomatie

Ein neues US-Buch beschreibt die finanzielle Staatskunst - von der Bewältigung der Mexiko-Krise bis zum Versuch, das Prestige des Euros zu erhöhen.

NEW YORK. Sie ist eine vergleichsweise junge Dimension der Außenpolitik: Finanzmarkt-Diplomatie beschreibt die politisch motivierte Beeinflussung internationaler Geldströme. In ihrem neuen Buch "Financial Statecraft" zeigen Benn Steil und Robert Litan, beide Forscher namhafter US-Stiftungen, die Möglichkeiten und Grenzen solch finanzieller Staatskunst.

Manchmal hilft Finanzmarkt-Diplomatie, übergeordnete politische Ziele zu erreichen. Das gilt zum Beispiel für die Kreditlinie von 20 Milliarden Dollar, welche die USA 1995 unter Präsident Bill Clinton dem kriselnden Mexiko gewährten. Sie half, die so genannte "Tequila"-Krise" einzudämmen, stabilisierte die fragile Demokratie Mexikos und rettete die Zoll- und Freihandelsunion Nafta, der Mexiko erst kurz zuvor beigetreten war.

In anderen Fällen verfehlen finanzmarktpolitische Maßnahmen dagegen ihren Zweck und schaden, statt zu nützen. So schildern Steil und Litan detailreich das Scheitern von Boykottaufrufen gegen den russischen Gasmonopolisten Gazprom im Jahre 1997.

Als aktuelles Beispiel für die hohen Kosten verfehlter Finanzmarkt-Diplomatie nennt Steil den Zug nicht-amerikanischer Großkonzerne zur Londoner statt zur New Yorker Börse, um die strikten Auflagen der US-Behörden durch das Sarbanes-Oxley-Gesetz zu vermeiden. "Dieses gut gemeinte Gesetz wirkt kontraproduktiv, weil Kapitalmarkttransaktionen nicht mehr auf dem Boden der USA stattfinden, sondern an Orten, wo sie völlig der Kontrolle amerikanischer Behörden entzogen sind", sagt Steil.

Gemeinsam mit seinem Mitautor Litan von der Washingtoner Brookings-Stiftung plädiert Steil für die wohl dosierte Anwendung von Finanzmarkt-Diplomatie. Dabei müssten die Beteiligten die politischen Ziele und deren Durchsetzbarkeit, aber auch die ökonomischen Kosten der geplanten Maßnahmen berücksichtigen. Um Währungskrisen dauerhaft zu vermeiden, empfehlen Steil und Litan einen einfachen, radikalen Schritt: die Abschaffung instabiler Devisen zu Gunsten weniger Leitwährungen wie Dollar und Euro. Dieser Schritt, den etwa Ecuador (Dollar) und Kosovo (Euro) bereits gegangen sind, liegt den Autoren zufolge gleichermaßen im Interesse der betroffenen Staaten und der Leitwährungsländer. "Eine Euroisierung vieler Länder in Zentral-und Osteuropa würde das Prestige des Euros und seinen Wert als internationales Zahlungsmittel erhöhen", sagt Steil. Er kritisiert deshalb scharf den Widerstand der Europäischen Kommission gegen die einseitige Einführung des Euros aus "engstirniger Sorge um die Maastricht-Kriterien".

Diese Erwägungen machen das ansonsten stark aus US-Perspektive geschriebene Buch auch für europäische Praktiker und Interessierte am Thema "Finanzmarkt-Diplomatie" spannend.

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