US-Wahlkampf
Der Mann, der Hillary Clinton vom Thron stoßen kann

Pünktlich zum Wahlkampf erscheinen zwei Biographien zu Barack Obama: Keiner der vielen Kandidaten im Wettlauf um das Weiße Haus hat einen ähnlich spannenden Lebenslauf, ein vergleichbares Charisma. Und keiner der Bewerber bietet eine so konkrete Hoffnung auf einen neuen Stil im Washingtoner Politikbetrieb wie der jugendlich elegante Afroamerikaner.

DÜSSELDORF. Gleich zwei deutsche USA-Korrespondenten haben die Gelegenheit genutzt. Christoph von Marschall („Tagesspiegel“) und Markus Günther („WAZ“ und weitere Regionalzeitungen) legen gerade noch rechtzeitig zum Start der Vorwahlen Anfang Januar zwei Biografien vor, die uns tief in den amerikanischen Wahlkampf hineinziehen. Und da bei den Demokraten der zunächst so hohe Vorsprung von Hillary Clinton schrumpft, lohnt es durchaus, sich mit dem ungewöhnlichen Kandidaten zu beschäftigen. Selbst wenn er sich dieses Mal nicht durchsetzt, dann kann er immer noch 2012 oder 2016 der erste schwarze Präsident Amerikas werden. Beide Autoren haben keine Biografien im eigentlichen Sinn geschrieben. Stattdessen versuchen sie, die Faszination für Obama vor dem Hintergrund der aktuellen US-Politik und der Eigentümlichkeiten des amerikanischen Wahlkampfes zu ergründen.

Günther verspricht „hastig aufgeschriebene Notizen eines Reporters“ und zieht den Leser tatsächlich mit einer langen Reportage schnell in das Buch hinein. Es folgt der Lebenslauf eines Politikers, der schon als Kind mehr von Amerika und der Welt sah als viele seiner Landsleute im ganzen Leben: geboren als Sohn eines kenianischen Austauschstudenten und einer weißen Amerikanerin in einer Zeit, als die Rassentrennung noch Alltag war, die Grundschulzeit in Indonesien und die Jugend im Haus seiner Großeltern auf Hawaii. Daran schließt Günther die Fragen an, ob Amerika heute für einen schwarzen Präsidenten reif und ob Obama selbst für die brutale Auseinandersetzung hart genug sei.

Stärker noch ordnet Christoph von Marschall Obama in die politische Landschaft ein und stellt auch die anderen Kandidaten vor. Seine Beschäftigung mit Obama greift tiefer, ist analytischer, dafür aber auch weniger anschaulich. Auch Marschall bedient sich ausgiebig aus der Autobiografie des Politikers, doch er sortiert die Details thematisch neu und arbeitet zum Beispiel die in Amerika nach wie vor heikle Rassenfrage heraus.

Beide Bücher bieten dem deutschen Leser einen kompakten Zugang zum Phänomen Obama. Wer sich selbst einen Eindruck bilden möchte, ist bei Günther gut aufgehoben, wer tiefer in die Untiefen der amerikanischen Gesellschaft eintauche will, wird mit Marschalls Analysen besser bedient. Doch beide Autoren haben einen wortgewaltigen Konkurrenten: Die besten Bücher über Obama hat er selbst geschrieben. In „Dreams from My Father“ beschreibt er seinen spektakulären Lebenslauf, in „Audacity of Hope“ seine politische Philosophie – beides in einem sehr konkreten, oft witzigen und packend direkten Stil.

Georg Watzlawek
Georg Watzlawek
Handelsblatt Online / Ressortleiter Wirtschaft und Politik
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