USA
Nightlife statt Krawall in Washington D.C.

Wer auch immer als 44. Präsident der USA ins Weiße Haus einziehen wird, er findet eine andere Hauptstadt vor. Bis vor einigen Jahren galt Washington D.C. noch als Mordhauptstadt, an der Grenze zum Nordostteil regierten Gangs und Drogen. Das einstige Ghetto hat sich mittlerweile jedoch in eine pulsierende und moderne Stadt verwandelt. Wo früher Kugeln flogen, stehen heute Jazz- und Künstlerclubs.

Was ist hier los? Was für ein Film läuft hier? Das alte Washington ist nicht mehr wiederzuerkennen. Es fahren jetzt BMWs in den alten Vierteln, nagelneue Pontiacs, aus denen Hiphop dröhnt, und hinter deren getönten Scheiben sitzen schwarze Männer mit kurzen Haaren und schicken Anzügen, noch immer Gold an den Fingern, aber Geld in den Taschen. Es stehen jetzt adrette Apartmenthäuser neben den alten backsteinernen Stadthäusern, die meisten wieder hübsch hergerichtet. Die Menschen sitzen in Cafés und schlendern über die Flohmärkte. An der U-Street haben sie Duke Ellington riesig groß auf eine Hauswand gemalt, die Jazzclubs haben wieder geöffnet, junge, gute Musiker treten auf, an den Wänden kontrabassspielende Strichmännchen, picassohafte Skizzen, Ölbilder. Die Künstler und Poeten sind zurück.

Vor einigen Jahren war hier noch Ghetto, Washington D.C., der District of Columbia, galt als Mordhauptstadt der USA. An der Grenze zum Nordostteil der Stadt regierten Gangs und Drogen. Hier begannen jene Gegenden, in denen die Kugeln flogen, und die Häuser standen wie vernagelte Hundehütten. Bis zum Weißen Haus, nur wenige Autominuten entfernt, waren es Welten.

Cody Barron steht oben an der achten Straße, er guckt ein bisschen schief, in seinem Mund fehlen ein paar Zähne. Barron lacht. Dann klemmt er sich seine Mundharmonika in den Mund und spielt John Lee Hookers „Boom Boom“. Er spielt neuerdings für Touristen, er fragt nach etwas Geld, ein, zwei Greenbacks. In seinem Slang sagt er: „Vergiss das alte Washington, es existiert nicht mehr. Und glaub’ mir, Bruder, es ist gut so.“ Cody Barron spielt immer weiter, noch während er die Straßen runtergeht. Es sieht so aus, als würde Cody Barron durch eine renovierte Stadt wandeln.

Unten im Regierungsviertel thronen die Prachtbauten, die Monumente der amerikanischen Geschichte. Der Präsidentensitz, das Kapitol, das Lincoln Memorial. Dieses marmorweiße Gesicht von Washington kennen die meisten. Dabei ist D.C. eine traditionelle „chocolate city“, eine Stadt der Farbigen. Weit über die Hälfte der Bewohner ist schwarz. Amerikas Minderheit ist hier die Mehrheit, seit über hundert Jahren.

Kamal Ben Ali Junior steht vor seinem Restaurant, der Laden sieht aus wie eine bunte Kirmesbude. „Ben’s Chili Bowl“, dieses kleine Soul-Food-Lokal an der Grenze zum Nordosten ist inzwischen ein Wahrzeichen. Seit 1958 steht es fast unverändert da, die Hausfront noch per Hand bemalt, links ein Hotdog, rechts ein dicker Burger auf die Fassade gepinselt. Der einzige Laden, den sie in den Ghetto-Jahren nicht abgefackelt haben, das „Ben’s“ durchstand die düsteren Zeiten wie ein Fels in der Brandung.

Drinnen riecht es nach Bratfett, auf den Tischen stehen Ketchup-Flaschen und „Texas Pete Hotsauce“. Ben junior, 46, sitzt auf einem roten Plastikhocker und rührt in seinem Kaffee. „Lange sahen die schwarzen Viertel hier aus wie Friedhöfe, unsere Lichter waren die einzigen, die nachts noch brannten.“ Er macht eine ausladende Handbewegung, zeigt nach draußen. „Aber jetzt ändert sich Washington, schneller, als man gucken kann.“ Die Gentrifizierung ist in vollem Gange, jener Prozess der sozialen Umstrukturierung, der Veredelung von Wohnbezirken, und derzeit ist es, als würde sich Washington D.C. im Höchsttempo selbst aufräumen. Inzwischen kommen Gäste aus aller Welt, selbst die Tourbusse machen schon bei ihm halt.

Seite 1:

Nightlife statt Krawall in Washington D.C.

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%