Valérie Favre
Surreal flirrende Übermalungen

Die Schweizerin Valérie Favre liebt das Dazwischen, das Unbestimmte in ihren figurativ angelegten Bildern. Malerisches Bildertheater  im XXL-Format erwartet den Flaneur in der Galerie Barbara Thumm.
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BerlinDas Hauptwerk hängt tief, fast am Boden. Das war der ausdrückliche Wunsch der Künstlerin. Nur so könne man wirklich in den Bildraum eintreten, findet Valérie Favre. Oder hat es auch etwas mit dem Sujet zu tun, mit dem Verhältnis zwischen Bildgröße und Bildtitel? „Die Antwort der Zwerge“ heißt Favres monumentales Bild voller Gaukler und Artisten. Sieben großformatige Arbeiten sind in ihrer aktuellen Ausstellung zu sehen, dazu Zeichnungen und Kleinformate. In der Galerie Barbara Thumm in der Berliner Markgrafenstraße werden wir alle zu Zwergen.

Das Format wird zunehmend wichtig im Oeuvre der in Berlin lebenden Schweizerin, die sich konsequent auf ihrem eigenwilligen Weg weiterentwickelt. Zuletzt entstanden mehrere Überformate, die möglich geworden sind, seit Valérie Favre in den Uferhallen in Berlin-Wedding ein neues, geräumiges Atelier bezogen hat. Die Bilder, die sie hier malt, im Format 170 mal 390 Zentimeter, sind aus drei Leinwänden zusammengesetzt, als Triptychon. In ihrem Landschaftsbild „Wenn die Stadt schläft“, das sich an einem Film von John Huston orientiert, markiert sie die Grenzen der Leinwände mit weißen Bahnen, die an Filmstreifen erinnern. Doch die Dreiteilung hat auch praktische Gründe: Nur so kann sie die Leinwände selbst bewegen, erzählt die zierliche Künstlerin. Und atmet doch auf, wenn sie wieder zu der handlichen Größe ihrer früheren Bilder zurückkehren kann. Etwa zu den Selbstmordbildern, an denen sie seit 2003 malt – in der Ausstellung bei Barbara Thumm sind die neuesten Motive zu sehen, nach den Geschichten von Romeo und Julia, Ajax und Teorema.

Vorbehalte der Kollegen

Es hat gedauert, bis die heute 51-Jährige in Berlin angekommen ist. Die ersten Kontakte zu den Kollegen der Leipziger Schule Mitte der Neunziger waren alles andere als ermutigend: „Die fanden mich zwar ganz nett, die kleine Französin“, lacht Valérie Favre. Als Künstlerin ernst genommen haben sie sie nicht. Und dabei war Favre doch aus Paris nach Deutschland gewechselt, weil eine Auseinandersetzung mit Malerei ihr hierzulande leichter fiel. In Frankreich war Malerei damals überhaupt kein Thema.

Bekenntnis zur Quote

Erst nach einigen Jahren stellte sich in Berlin der Erfolg ein: Eine Professur an der Universität der Künste öffnet 2006 die Tür in die Welt der Institutionen. Im gleichen Jahr gab es auch die erste Einzelausstellung im Haus am Waldsee in Berlin-Zehlendorf. Inzwischen nutzt die kämpferische Künstlerin durchaus die Möglichkeit, die Kunstwelt nach ihren Vorstellungen zu beeinflussen. „ Sie haben mich an der UdK nur wegen der Frauenquote genommen“, bekennt sie offen. Doch längst sind mehr als die Hälfte ihrer Studenten weiblich. „Mein Traum ist, eine richtig große Malerin aufzubauen.“

Der kleine Unterschied

Das Thema Frauen im Kunstmarkt beschäftigt Favre, auch wenn sie selbst längst darüber hinausgewachsen ist – um die 40.000 Euro kosten ihre neuen Werke, das ist zwar immer noch weit entfernt von den Höhenflügen der Leipziger Malerkollegen, aber man kann doch sagen, dass Favre angekommen ist im Markt. Was längst nicht für alle ihrer Kolleginnen gilt: „Noch immer verdienen Frauen deutlich weniger, auch wenn sie noch so gut sind“, ärgert sich Favre. Ihre Antwort darauf war 1999 die Figur der „Lapine“, einer Häsin, die mit dem französischen Synonym „la pine“, der Pinsel, aber auch das männliche Glied, spielt.

Malerisches Bildertheater

In der aktuellen Ausstellung bei Barbara Thumm ist die Lapine nur noch am Rande zu sehen, als weiblicher Rockstar mit Gitarre, in Öl auf Papier (4.000 Euro). Dafür gibt es mythische Frauenfiguren, eine „Henkerin II“ (26.000 Euro), eine „Kriegerin“ (16.000 Euro). In den neuen Arbeiten kehrt Valérie Favre zu ihren Anfängen zurück, in die Welt des Zirkus und Varieté. „Die Antwort der Zwerge“ (38.000 Euro) ist das dritte Bild einer Zirkusserie, ein magisch verdichtetes Meisterwerk, das im Laufe seiner langen Entstehungszeit mehrere Mutationen hinter sich hat. Atelierfotos belegen, wie Artistenfiguren auf der Bildbühne erscheinen, um dann doch wieder übermalt zu werden, von einem Vorhang verdeckt, manchmal sieht man nur noch die Beine. Es erinnert an Bernhard Heisigs manisches Übermalen, dieses Erfinden des Sujets im malerischen Prozess, und das Ergebnis hat etwas Surreal-Flirrendes, das das Sujet im Ungefähren lässt.

Geister und Masken bevölkern die Bilder, wie auch in dem apokalyptischen „The Art of Watching Birds“ (42.000 Euro). Ein Bildtheater der großen Illusionen, welches die ehemalige Schauspielerin und Regisseurin Favre nie losgelassen hat. Dass sie nun, 25 Jahre nach ihrer Abkehr von der Bühne, als Malerin auf die Theaterbühne zurückkommt, ist eine Art Zirkelschluss. Valérie Favre, die ewig Suchende, hat ihre Heimat gefunden.

„Valerie Favre“

Galerie Barbara Thumm

Markgrafenstr. 68; 10969 Berlin

Bis 21. April, Di - Sa 11 bis 18 Uhr.

www.bthumm.de

www.galeriewolff.com

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