Verhandlungen gestoppt
Polen lehnt Rückgabe deutscher Kulturgüter ab

Seit dem Ende des Zweiten Welkriegs lagern die Kulturschätze der früheren Preußischen Staatsbibliothek auf polnischem Staatsgebiet: Darunter sind Autographen von Luther, Goethe und Schiller aber auch ein Viertel des handschriftlichen Nachlasses von Mozart. Eine Rückgabe der Kunstwerke lehnt die polnische Regierung jedoch kategorisch ab und hat die Verhandlungen abgebrochen.

WARSCHAU. Das polnische Außenministerium erklärte, dass die entsprechenden Kunstwerke, die sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs auf polnischem Staatsgebiet befänden, in das Eigentum Polens übergegangen seien. „Diese Regelung hat abschließenden Charakter“, hieß es. Vor dem Hintergrund der enormen Kriegsverluste, die Polen während der deutschen Besetzung im Zweiten Weltkrieg erlitten habe, könne die Forderung der Bundesregierung nach Rückgabe nur Verwunderung auslösen. „Eine Rückgabe verletzt die polnische Staatsräson“, sagte der Deutschlandbeauftragte Mariusz Muszynski.

Der Streit dreht sich insbesondere um Kulturgüter der früheren Preußischen Staatsbibliothek, die während des Zweiten Weltkriegs zum Schutz vor alliierten Bombardements von Berlin nach Krakau gebracht wurden und seither dort aufbewahrt werden. Dabei handelt es sich zum größten Teil um Originalquellen zur Wissenschafts-, Literatur- und Musikgeschichte. Unter den 212 000 Manuskripten befinden sich Autographen von Luther, Goethe, Herder, Schiller, Rachel von Varnhagen und Alexander von Humboldt. Die Sammlung von etwa 20 000 Notenhandschriften enthält unter anderem ein Viertel des handschriftlichen Nachlasses von Mozart.

Der deutsche Sonderbotschafter Tono Eitel nennt diese deutschen Bestände „Beutekunst“, die unbedingt zurückgegeben werden müsse. Die Haager Landkriegsordnung von 1907, die in diesem Fall als gültiges Völkerrecht zur Anwendung komme, verbiete die Wegnahme von Kulturgütern, so der deutsche Diplomat. Eitel ist seit 2002 Sonderbotschafter für die Verhandlungen mit Polen und der Ukraine. Die schon seit 1992 mit Warschau laufenden Verhandlungen wurden allerdings beim Amtsantritt der jetzigen nationalkonservativen Regierung Kaczynski unterbrochen.

Die polnische Seite wiederum interpretiert die völkerrechtliche Lage ganz anders. Nach Auffassung der Regierung hat Polen während des Zweiten Weltkriegs, anders als die deutsche Besatzungsmacht, nie „Beute“ gemacht. Als Folge des Krieges, so das Außenministerium, seien die früheren deutschen Ostgebiete aufgrund des Potsdamer Abkommens von 1945 an Polen gefallen – samt aller Kulturgüter wie Schlösser, Kirchen und Museen. Wie der gesamte deutsche Besitz in diesen Gebieten seien auch die Kulturgüter per Dekret vom 8. März 1946 zu polnischem Staatseigentum erklärt worden.

Die Warschauer Medien begleiten den deutsch-polnischen Streit vor allem mit Berichten über die gewaltige Zerstörung polnischer Kulturgüter durch die deutschen Besatzer während des Zweiten Weltkriegs. Der von der Regierung mit entsprechenden Recherchen beauftragte Kunsthistoriker Wojciech Kowalski spricht von einer halben Million vernichteter Kunstwerke. „Davon wurden bislang etwa 60 000 katalogisiert“, so Kowalski.

Die Regierung besteht auf einer zumindest teilweisen Entschädigung von deutscher Seite für diese Schäden. Warschau will außerdem über 114 polnische Kunstgegenstände verhandeln, die sich in Deutschland befinden sollen. Ein Sprecher des Außenministeriums sagte: „Wir denken an lange, harte Verhandlungen.“

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