Videokunst Asiens
Rasierklinge im Mund

In den letzten zehn Jahren hat die Videokunst in den asiatischen Ländern Fuß gefasst. Was das bedeutet, lässt sich im Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe besichtigen. Werke aus 13 Ländern und lokalen Kulturen kommen hier zusammen. Möglich macht es ein Archiv in Seoul. Der Markt für das bewegte Bild ist allerdings schwierig. In China kam es zu einem Zusammenbruch der Preise.
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Karlsruhe„Mafia“ sagt die kleine Chinesin in ihrer Muttersprache und „Divorce“ (Scheidung). Mit unbewegter Miene artikuliert sie einen problematischen Begriff nach dem anderen. Englische Untertitel übersetzen, was die höchstens Fünfjährige in die Videokamera spricht. Der Betrachter des vier Minuten langen Stücks möchte es nicht glauben. Kann er sicher sein, dass die Untertitel das Gesagte korrekt wiedergeben?

Was kommt beim europäischen Betrachter an, der in Karlsruhe im Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) mit der Videokunst aus Asien konfrontiert wird? Die kurze Arbeit der chinesischen Künstlerin Li Pinghu bringt die Schwierigkeiten einer Annäherung auf den Punkt. Im Prinzip kann sie nichts anderes sein als ein unvollständig bleibender Übersetzungsprozess, Fehlinterpretation inbegriffen.

Archiv in Seoul

Schon die Annahme einer „asiatischen“ Kunst ist ein Denk-Konstrukt. Das wird klar, wer in die lauten und leisen, fremd und manchmal auch vertraut erscheinenden Bilderwelten eine Weile hineingetaucht ist. Aus 13 Ländern und lokalen Kulturen kommen die mehr als 140 Beiträge. Das ist nur möglich, weil die Ausstellungsmacher auf den Fundus eines riesigen Archivs im südkoreanischen Seoul zurückgreifen konnten.

Das Archiv „Alternativ Space LOOP“, betrieben vom Veranstalter des jährlichen Videokunst-Festivals „Move on Asia“, ist so etwas wie das Gedächtnis der Videokunst Asiens. Die wichtigsten Beiträge aus allen Ländern Asiens, in denen die Medienkunst Fuß fassen konnte, kommen hier zusammen. Sie werden ausgewählt von einem entsprechend zusammengesetzten Kuratorium. Die Auswahl für die ZKM-Ausstellung spiegelt also zu allererst diesen demokratischen Ansatz und nicht die Perspektive des westlichen Kurators.

Scheinbar humoristisch

In das „Alternativ Space LOOP“ gelangen auch Werke, die in ihrem Heimatland nicht ausgestellt werden dürfen. Das trifft unter anderem auf Arbeiten der vietnamesischen Videokünstlerin Nguyen Trinh Thi und des Chinesen Chen Xiaoyun zu. In beiden Ländern müssen Ausstellungen vorher angemeldet werden. Trinh Thi gelangte an dokumentarisches Filmmaterial über eine vietnamesische Niederlassung des italienischen Mopedherstellers Piaggio, das sie durch einfache Eingriffe zum Sprechen bringt. Chen Xiaoyun schuf ein scheinbar humoristisches Video, das zugleich Folterszenen wachruft.

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Megacity durch die Lupe

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