Videonale Festival
Tiefgreifende Krisen im bewegten Bild

Die Videonale in Bonn gehört zu den ältesten Video-Festivals der Welt. Von ihm profitiert auch das Kunstmuseum, wo es seit zehn Jahren beheimatet ist. Um den Handel mit Videokunst steht es jedoch nicht so gut, jedenfalls wenn der Galerist sich spezialisiert hat.
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Bonn„Video wie einen Bleistift benutzen.“ Mit der für ihn typischen Lakonie forderte Ende der 1960er-Jahre der Konzeptkünstler John Baldessari den selbstverständlichen Umgang mit einem Medium, das damals von Künstlern gerade erst entdeckt wurde. Heute ist Video aus dem handwerklichen Repertoire vieler Kunstschaffenden gar nicht mehr wegzudenken und gehört deshalb auch zu den Äußerungsformen, mit denen es Besucher von Museen für zeitgenössische Kunst regelmäßig zu tun haben. Das Kunstmuseum Bonn, das die Kölner Galeristin Ingrid Oppenheim in den frühen Achtzigern als Heimstatt für ihre Videoband-Sammlung auserkor, wurde vor zehn Jahren sogar Spielort für die „Videonale“.

Diskursive Plattform für Künstler und Fachwelt

Die Gründung des Festivals liegt inzwischen 30 Jahre zurück. Damals war die Videonale in erster Linie ein nur wenige Tage dauernder, eher in der alternativen Kulturszene beheimateter Wettbewerb und eine diskursive Plattform für Künstler und Fachwelt. Heute ist sie mehr, wobei der Wettbewerb nicht mehr so sehr im Vordergrund steht. Die Videonale hat sich längst zu einem veritablen, kuratierten Ausstellungsformat mit entsprechender Laufzeit und einer begrenzten Zahl von Beiträgen emanzipiert. Sie ist ein Höhepunkt im Wechselausstellungsprogramm des Kunstmuseums. Und sie setzt auch formal Maßstäbe, seit sie das Nachdenken über und die Entwicklung von Präsentationslösungen mit als ihren Aufgabenbereich definiert hat.

Die 15. Ausgabe des Festivals wartet mit einer regelrechten Landschaft aus 38 bewegten Bildwerken auf, um die sich relativ frei herumflanieren lässt. Bis auf ein paar Beamer befindet sich fast die gesamte Technik am Boden; auch die großen Flachbildschirme, die sich dagegen lehnen. Den Charakter des Fließenden greifen die Sitzgelegenheiten wieder auf. Niederlassen können sich die Besucher auf Hockern mit angeschrägter Sitzfläche. Auf der letzten Videonale hingen die Monitore noch von der Decke, was partiell zu einer stärkeren Trennung von Raumteilen führte.

Tendenz zu aufwendigen Produktionen

Die Art wie in diesem Jahr die Werke präsentiert werden, passt zum Leitthema, das in Übereinstimmung mit der Weltlage um unsichere Räume, krisenhafte Zustände und Umbruchsituationen kreist. Aus purer Not heraus suchte Videonale-Kuratorin Tasja Langenbach Zuflucht bei einem Motto („The Call of the Wild“), weil die wahnsinnige Zahl von 2.100 Bewerbungen vor zwei Jahren von der Vorjury kaum mehr zu bewältigen war.

Für die 15. Videonale reichten immerhin 1221 Künstler Beiträge ein. Dabei geht die Tendenz zu eher aufwendigen Produktionen und cineastischer Ästhetik. Ein konzentriertes Kammerstück ist dagegen das 20-minütige, preisgekrönte Video von Shelly Nadashi aus Israel. Inszeniert nur mit prononcierter Sprache und Gestik geht es darin um die zunehmend sichtbare, auf ein desaströses Ende zusteuernde Spannung zwischen einer Privilegierten und ihrer vergleichsweise mittellosen Masseuse. Der Auslöser: die scheinbar harmlose Frage der Kundin, wie viel Miete sie für eine Wohnung nehmen könnte, die sich im Laufe des Dialogs als Luxusimmobilie entpuppt.

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