Villa Grisebach Finanzieller Kraftakt für "Fräulein Heck"

Während der Frühjahrsauktionen der Villa Grisebach gewähren viele Sammler erstaunlich hohe Gebote. So kommt es vor allem bei der Klassischen Moderne zu einer Reihe unerwarteter Preissteigerungen. Selektiven Zuspruch erntet das Angebot an 19. Jahrhundert-Malerei. Insgesamt setzt der Berliner Versteigerer 14 Millionen Euro um.
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Lovis Corinth: „Fräulein Heck“ (Im Boot auf dem Starnberger See). 1897. (Ausschnitt) Quelle: Villa Grisebach, Berlin, Foto: Karen Bartsch

Lovis Corinth: „Fräulein Heck“ (Im Boot auf dem Starnberger See). 1897. (Ausschnitt)

(Foto: Villa Grisebach, Berlin, Foto: Karen Bartsch)

BerlinKeine Sinfonie mit Paukenschlag, dafür aber gepflegte Kammermusik mit obligaten Soloinstrumenten. So könnte man das Programm der Frühjahrsauktionen in der Villa Grisebach umschreiben, die aufgrund der für den Herbst angekündigten 200. Auktion auf sechs Einzelkataloge mit den Nummern 194 bis 198 verteilt war. Der Bietfreude tat das keinen Abbruch. Im Gegenteil: der Auktionssaal war in fast allen Sitzungen dicht gefüllt und die Käufer, viele von ihnen wie gewohnt am Telefon, ließen sich streckenweise zu finanziellen Kraftakten hinreißen.

Das gilt nicht nur für das teuerste Bild der Abendauktion am 31. Mai, Gabriele Münters Frühwerk „Am Starnberger See“, das von 200.000 auf den Hammerpreis von 600.000 Euro stieg. Der österreichische Privatkäufer muss mit Aufgeld 732.000 Euro zahlen. Geschätzt war das Werk auf bis zu 400.000 Euro. Das gilt auch für das 1933 entstandene „Mädchen mit Katze“ der jüdischen Malerin Lotte Laserstein, das  im Bietgefecht eines hessischen Sammlers gegen das unterlegene Frankfurter Städel von 16.000 auf brutto 136.600 Euro gehoben wurde. Auch Tamara de Lempickas Hortensien-Stillleben hatte dank französischen Privatgebots eine steile Karriere. Es kletterte von 30.000 auf brutto 189.100 Euro.

Unerwartetes Resultat für Noldes Dünenbild

Den unerwartet hohen Endpreis von 231.800 Euro erreichte Emil Noldes grau verhangenes Dünenbild von 1901. Es geht neben Otto Modersohns markanten „Birken am Moorkanal“ (195.200 Euro), Paula Modersohn-Beckers „Schafhirte“ (256.000 Euro) und der Munch-Radierung „Trost“ (36.600 Euro) in eine süddeutsche Privatsammlung geht, für die eine Auftragsbieterin im Saal aktiv war. Ein Hamburger Privatsammler ersteigerte für 292.800 Euro das schönste Bild der Auktion: Lovis Corinths „Fräulein Heck (Im Boot auf dem Starnberger See)“, das 2001 im selben Auktionssaal 293.500 DM eingespielt hatte.

Ein beachtlicher Preis sind auch die 134.200 Euro, die für die Gouache „Häuserreihe“ von Otto Dix aus Bayern geboten wurden. Karl Hofers allegorisches Nachkriegsbild „Höllenfahrt“ von 1947 wurde für 219.600 Euro in eine rheinische Privatsammlung geholt. Von den vier ausgebotenen Nolde-Aquarellen brachte „Rosen, Calla und Iris“ mit 97.600 Euro den höchsten Preis.

Boteros beleibtes "Großmütterchen"

Für den großen Nay von 1963 gab es wie schon zuvor für Bilder von Heckel, Jawlensky und Schmidt-Rottluff kein Gebot. Fernando Boteros beleibtes „Großmütterchen“ (1969) wandert zum unteren Schätzpreis für 329.400 Euro in jenes griechische Privatmuseum, das sich seit Jahren in deutschen Auktionen bedient. Das Doppelte der Taxe erreichte dafür George Rickeys Edelstahlskulptur „Six Squares Eccentric“, ein Unikat, das für 244.000 Euro von einem Berliner Sammler ersteigert wurde. Anschließend kämpfte die Galerie Brockstedt tapfer um ein großes Akt-Aquarell von Horst Janssen, musste es aber für 68.300 Euro einem norddeutschen Sammler überlassen.

Gemischte Bilanz für das 19. Jahrhundert

Friedrich Nerly: „Das ,Haus der Desdemona‘ in Venedig“, 1855. (Ausschnitt) Quelle: Villa Grisebach, Berlin, Foto: Karen Bartsch

Friedrich Nerly: „Das ,Haus der Desdemona‘ in Venedig“, 1855. (Ausschnitt)

(Foto: Villa Grisebach, Berlin, Foto: Karen Bartsch)

Einen Knalleffekt bescherte Günther Ueckers Nagelbild „Spirale“, dessen Erlös für den Nachguss einer Kirchenglocke im Heimatort des Künstlers bestimmt ist und das mit 414.800 Euro seinen Schätzpreis vervierfachte. Sigmar Polke, dessen Papierarbeiten auch in der Auktion „Kunst nach 1945“ heiß begehrt waren, erreichte mit dem „Referenzbild Violett“ von 1999 sein Soll: 256.200 Euro. Thomas Struths grandiose Innenaufnahme der venezianischen Kirche San Zaccaria wurde von der Osloer Galerie K für 170.800 Euro „geschluckt“.

Deutlich den Schätzpreis überrundet

In den Folgeauktionen gab es Überraschungspreise, die ihre Schätzungen deutlich überrundeten. Zwei nicht gerade aufregende Papierarbeiten von Polke aus dem Jahr 1998 wurden mit 61.000 und 73.200 Euro bewertet und Gerhard Richters populärste Graphik wanderte für 59.780 Euro in süddeutschen Privatbesitz. Auch für einen Probeabzug wie diesen ist das eine gewaltige Summe. Schon vorher hatten eine Landschaft von Slevogt mit 73.200 und Otto Muellers zartes Aquarell „Zwei Mädchen am Wasser“ mit 61.000 Euro ihr Soll erfüllt.

Teures Vergnügen mit Kaiser Wilhelm I.

Am ersten Auktionstag gab es für das 19. Jahrhundert, das mit den Nachverkäufen 1,3 Millionen Euro erzielte, eine gemischte Bilanz. Die zahlreichen kleinformatigen Ölstudien wurden selektiv beboten und das hoch dotierte Grottenbild von Franz Ludwig Catel ging zurück. Friedrich Nerlys „Haus der Desdemona in Venedig“ erreichte dank bayerischem Privatgebot mit  97.600 Euro die Schätzung. An denselben Bieter fielen zwei kleine Porträts Wilhelm von Leibls, von denen das zweite, das 21 x 15,8 cm große Bildnis eines streng blickenden Wilderers, von 40.000 auf 173.240 Euro stieg. Auch das teuerste Bild der Sitzung ging für 152.500 Euro an diese Adresse: Ludwig Emil Grimms „Heilige Familie“, in der sich Raffael-Verehrung mit altdeutscher Beschaulichkeit verbindet. Ein erstaunlicher Preis sind für Franz von Lenbachs Porträt des alten, gottergebenen Kaisers Wilhelm I. eingesetzten 75.640 Euro. Im längsten Bietgefecht dieser Auktion siegte ein norddeutscher Käufer gegen einen Berliner Sammler. Das Doppelte der Taxe erzielte mit 48.800 Euro eine kleine, leicht aquarellierte  Menzel-Zeichnung mit dem Selbstbildnis im Atelier.

In den vier Tagen wurden mitsamt den Nachverkäufen 14 Millionen Euro eingespielt. 6,6 Millionen davon entfallen auf die Versteigerung ausgewählter Werke. Hervorzuheben ist, dass die erreichten 756.000 Euro das bislang beste Ergebnis einer Villa Grisebach-Fotoauktion sind. Hier gab es gesteigertes Interesse an frühen Abzügen von Mies van der Rohes eigenen Fotos seiner Hauptprojekte. Das „Modell der Weissenhof-Siedlung wie gebaut“ erreichte 23.180 Euro, ein Blick in den Barcelona Pavillon von 1929 stieg auf 63.440 Euro. Eine weitere Preisexplosion gab es bei der zeitgenössischen Fotografie, als Peter Beards Frontalporträt eines Elefantenbullen von 8.000 auf 75.640 Euro hoch geboten wurde.

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