Von Berlin nach Frankfurt
Slow Foot durch Deutschland

Es gibt viele Gründe, um von Berlin an der Spree nach Frankfurt am Main zu kommen: Familienangelegenheiten, politische Prozeduren, Juristereien, Geschäfte. Aber was verbindet eigentlich die Machtmetropole mit dem Finanzzentrum? Die Antwort findet, wer sich zu einem Fußmarsch durch Deutschlands Mitte aufmacht.

Wie ist es eigentlich, die beiden Zentren auf die betulichste aller Möglichkeiten zu erreichen, zu Fuß und möglichst ohne Stress unterwegs? Dieser Slow-Foot-Frage ist der Weekend-Reporter für zwei Wochen nachgegangen: während eines Spaziergangs durch Deutschlands Mitte, die sich auch in der klassischen Moderne der Bauhaus-Stadt Dessau widerspiegelt. Ein paar unvorhergesehene Details nehmen dem architektonischen Erbe ein wenig von seiner gestalterischen Strenge. Vor dem kühlen (und kühnen) Ensemble des „Bauhauses“ zu Dessau hat der Cafétier fünf rostrote Biergartentische nebst -bänken platziert, unter windschiefen Gaslaternen-Imitaten, die hier nicht hingehören.

Zur Meisterhaussiedlung geht’s rechts ab, erst die Gropiusallee entlang, dann die Ebertallee. Fünf der sieben Meisterhäuser, die durch Bombardements im Krieg schwer zerstört worden waren, sind wunderbar und in blendendem Originalweiß restauriert; um die Rekonstruktion der übrigen Häuser wird seit einem Jahrzehnt auf höchstem Niveau gestritten. Bei all den Disputationen ist wohl niemandem aufgefallen, dass vor dem „Meisterhaus Feininger“ als Aschenbecher ein komisch unförmiger Blechtopf steht, so gar nicht in Bauhaustradition.

So oder so gibt’s im anhaltinischen Dessau in diesen Tagen reichlich zu sehen und zu hören. Sei es über Ortspolizisten, die auf dem rechten Auge blind sind. Oder sei es über die anhaltende Auswanderungswelle der Jungen, die auch die Angebote der örtlichen „Hochschule Anhalt“ nicht aufhalten können.

In Zachwitz werden gerade die Deutschen Schurmeisterschaften ausgetragen; seltsamerweise führt die Straße „Am Weinberg“ zu den Neubaugebieten vor der Gemeinde. Beinahe vor jeder Haustür des 190-Seelen-Dorfs Philippsthal werden Kürbisse in einer Farbenpracht zum Verkauf ( = vier Euro pro Medizinball) angeboten, die auf einen wohlgefälligen Herbst hoffen lassen. In diesen Tagen durch die Dörfer des südwestlichen Berliner Speckgürtels zu streifen, das ist wie eine Wanderung durch die farbensattesten Stillleben alter holländischer Meister.

Aber noch scheint genug Wärme gespeichert, um ein kurzes Badevergnügen zu riskieren. Tollkühn springen die beiden Nackten in den Güterfelder See, unbeeindruckt vom Schnattern der Gänse und von der Neugier des Wanderers, der buchstäblich ein Einzelgänger ist und bleibt.

Man ist motorisiert unterwegs. Ab und an huschen Konvois von Radsportlern im Windschattenwechsel vorbei, grüßen den Marschierer aufmunternd. Einige Autos halten vor Waldstücken; ihre Insassen quetschen sich hinter ansehnlichen Körben ins Freie – es ist Zeit, in die Pilze zu gehen. Abends in den Gasthäusern reden die Leute über die Pilze und darüber, dass es selten so viele gegeben hat wie nach diesem verregneten Sommer. Dazu gibt’s Pfifferlinge und Bier und Kopfschütteln darüber, dass sich einer von Berlin aufmacht, um zu Fuß Frankfurt zu erreichen.

Seite 1:

Slow Foot durch Deutschland

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%