Von „House of Cards“ bis „Homeland“: Wie uns Fernsehserien manipulieren

Von „House of Cards“ bis „Homeland“
Wie uns Fernsehserien manipulieren

Aus dem TV-Zuschauer wird ein Folter-Befürworter: Polit-Serien wie „Homeland“ und „House of Cards“, das am Freitag in die 2. Staffel geht, versprechen Einblicke ins Hinterzimmer der Macht. Doch die Formate verändern uns.
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Er kennt sie alle. Frank Underwood ist auf Du und Du mit den Mächtigen von Washington. Ihm kommt die ehrenvolle Aufgabe zu, die Sitzordnung beim alljährlichen Korrespondenten-Dinner zu organisieren. Underwood steht in seinem Büro, telefoniert mit Obamas Sprecher Jay Karne, mit Talkmaster Charly Rose, den Fraktionsvorsitzenden von Republikanern und Demokraten und dem Ex-Präsidentschaftskandidaten John McCain. Es wird hart verhandelt über die Verteilung der Sitzplätze. Ein Hin und Her, bei dem keiner nachgeben will – schließlich wollen alle an den besten Tischen sitzen. Wo er ist, da ist man ganz nach am Machtzentrum.

Nur: Dieser Underwood ist nicht Obamas Mitarbeiter. Er existiert nicht mal wirklich. Frank Underwood (Kevin Spacey) ist eine Serienfigur, er ist der Titelheld aus „House of Cards“, ein skrupelloser Machtmensch, der auch vor Mord nicht zurückschreckt. Und das Video um die Sitzplatzvergabe ist ein großer Spaß, den sich Politiker und Journalisten beschert haben.

Sie haben den Serien-Held mit echten Politik-Größen sprechen lassen. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen. Jetzt startet die zweite Staffel der Serie, die nicht nur von Barack Obama mit großer Vorfreude erwartet wird. Mit „House of Cards“ ist Politik endgültig spannend geworden. In der Nacht zu Freitag (deutsche Zeit 9.01 Uhr) hat der amerikanische Video-on-Demand-Service Netflix sowie zeitgleich in Deutschland Sky Anytime, alle 13 Original-Episoden der zweiten Staffel gleichzeitig zur Verfügung gestellt.

Die Politik in Washington sonnt sich gerne im Licht von „House of Cards“. Ein Stück weit spielt sie damit, ebenso sehr von Intrigen, Machtkämpfen und Verrat durchsetzt zu sein. Und vielleicht fühlt sie sich auch ein bisschen geschmeichelt, dass die als langweilig geltende Arbeit des Kongresses plötzlich zum Stoff für Fiktion wird, dass sie die Geschichte einer Fernsehserie trägt, die ebenso spannend und abgründig ist wie „Breaking Bad“ oder „Mad Men“.

Barack Obama hat sich bereits als großer Fan von „House of Cards“ geoutet. Er wurde sogar schon gefragt, ob er für einen Cameo-Auftritt zur Verfügung stünde. Der US-Präsident wiegelte ab. Aber er würde sich wünschen, sagte Obama scherzhaft, dass die echte Politik wenigstens genauso effektiv arbeiten würde wie Frank Underwood.

Die Serie reiht sich ein in eine Handvoll von Formaten, die zum Teil mit großem Erfolg Geschichten erzählen, die sich in Staatskanzleien und Parlamenten abspielen. Bestes Beispiel ist „Borgen“, eine skandinavische Fernsehserie, die zwischen 2009 und 2012 fast jeder zweite Däne geschaut hat.

Dabei begann das Format der Politserie viel früher. Vor 15 Jahren startete „The West Wing“ in den USA: In sieben Staffeln wurde die Geschichte des fiktiven demokratischen Präsidenten Jed Bartlet (Martin Sheen) und dessen Mitarbeiterstab im Weißen Haus erzählt.

Die amerikanischen Zuschauer waren begeistert. Bis zu 17 Millionen Menschen sahen dabei zu, wie dieser aufrechte und unbestechliche Präsident mit Krisen umging, wie er bei schwierigen Entscheidungen mit sich rang, schlaue Reden hielt und mit seinen Mitarbeitern hinter verschlossenen Türen leidenschaftlich über den politischen Kurs stritt.

Es war wie ein Blick durchs Schlüsselloch: So also wird Politik gemacht, dachte man sich. Besonders erfolgreich war die Serie übrigens nach den Anschlägen auf das World Trade Center 2001. Vielleicht stieg das Bedürfnis, mehr über die Politik zu erfahren, sie besser zu verstehen. Es war wenig überraschend, dass der fiktive „West Wing“-Präsident den Amtsinhaber George W. Bush in der Beliebtheit schnell überholte. Er war wie ein intellektueller Gegenentwurf zum texanischen Cowboy im Oval Office.

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  • Obamas Sprecher heißt Jay Carney, nicht Jay Karne.
    http://en.wikipedia.org/wiki/Jay_Carney

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Kommentare sind keine Werbeflächen“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

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