Von Jungstars zu Erfolgsautoren
Die dunklen Seiten der Idylle

Von wegen Sommerpause: Mit den erfolgreichen Autoren Juli Zeh, Frank Goosen und Arno Geiger bringen die Literaturverlage bis Ende August einen fulminanten Vorgeschmack auf den Bücherherbst. Die drei preisgekrönten Schriftsteller wurden als Jungautoren gefeiert. Längst haben sie es geschafft, sich auf dem Buchmarkt zu etablieren.

BERLIN. Das Thema der neuen Bücher von Juli Zeh, Frank Goosen und Arno Geiger sind gescheiterte und gelungene Freundschafts- und Liebesbeziehungen. Eine innige, homoerotische Freundschaft steht im Mittelpunkt von Juli Zehs Roman „Schilf“. Oskar und Sebastian kennen sich seit ihrer Studienzeit in Freiburg. Beide sind begabte Physiker, die schon an der Uni durch exzentrische Kleidung und ihren Geniekult auffallen. Irgendwann trennen sich ihre Wege: Sebastian gründet eine Familie und hat einen Sohn, Liam. Doch Oskars Macht über ihn bleibt ungebrochen, und weil Sebastian sich nicht befreien kann, kommt es zu einer Tragödie: Er wird zum Mörder, um seinen eigenen Sohn zu retten, der entführt wurde. Zehs Buch ist ein Kriminalroman, in dem der Mörder nicht allein der Schuldige ist. So wie in ihrem Roman „Spieltrieb“ geht es in „Schilf“ um Moral und Unmoral und darum, ob man sich an Werte und Gesetze halten sollte.

Die 33-jährige Autorin und Juristin stellt dabei die Realität auf den Kopf. Sie versucht, mehrere Ebenen in die Handlung einzubeziehen. Eines ihrer Spielfelder ist die in der Physik seit Jahren diskutierte „Viele-Welten-Theorie“, die von der Existenz von Paralleluniversen ausgeht. Diese Theorie wird zum mal vergnüglich, mal ernst diskutierten Streitpunkt zwischen den beiden Physikern Oskar und Sebastian.

Doch wann wird das Spiel ernst? Zeh lässt ihre Hauptfiguren lange um sich selbst kreisen und führt erst im vierten Kapitel den hellsichtigen, aber todkranken Kommissar Schilf ein, der den beiden klugen Köpfen gewachsen ist. Lust an Gedankenexperimenten und die Frage: „Hätte nicht alles ganz anders sein können?“ machen das Buch zu einem intellektuellen Genuss. Zehs Roman lebt von der glänzenden Charakterisierung ihrer Protagonisten: da der geniale und dämonische Oskar, dort der unentschiedene Sebastian, der aus seiner Begabung zu wenig gemacht hat. Das ökologisch wie politisch korrekte Freiburg ist die perfekte Kulisse, in die das Unausgesprochene und Verdrängte mit Macht hineinbrechen kann.

Während das bevorzugte Spiel einer Juli Zeh Schach ist, wartet Frank Goosen mit einer Kartenrunde auf. Was ist das für ein krisengeschütteltes Quartett, das sich da jede Woche zum Doppelkopf-Spielen trifft! Zwar ist die Zeit der großen Retroshows im Fernsehen vorbei, doch weil die vier gestandenen Männer mittleren Alters kurz vor ihrem Abitreffen stehen, gönnen wir ihnen den Rückblick auf bessere Zeiten. 1982 ist das Jahr, in dem die vier Bochumer Jungs ihr Abitur bestanden haben; eine Zeit, in der alles möglich schien. Heute sind sie alle in einer Krise: Konni, der Lehrer, wurde von seiner Frau verlassen, Steuerberater Rainer weiß mit seiner Gattin nichts mehr anzufangen, Bulle, der Onkologe, musste hilflos mit ansehen, wie seine Frau an Krebs stirbt. Thomas steht auf junge Mädels und verdient sein Geld als Pornoautor, weil es mit der seriösen Schriftstellerei nicht geklappt hat.

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