Vor 20 Jahren waren weibliche Dirigenten noch Exoten
Diplomatie statt Maestra-Gehabe

Einfühlungsvermögen und Pragmatismus: Immer mehr Dirigentinnen stehen auf den Musikpodien ihren Mann.

Die Arbeitskluft ist der schwarze Hosenanzug. In nichts sonst unterscheiden sich Dirigentinnen von ihren männlichen Kollegen. Ihre Schlagtechnik ist nicht weniger präzise, ihre Gestik nicht weniger ausladend, ihr Formwille nicht weniger ausgeprägt. Was sie von Pultlöwen alter Prägung trennt, ist ihr Pragmatismus und ihr großes Einfühlungsvermögen bei der Arbeit mit einem hundertköpfigen Orchester.

Noch vor zwanzig Jahren wurden Frauen auf dem Dirigentenpodium als Exoten betrachtet. Vorbei: Die Chemie muss stimmen beim Zusammenspiel, und das schafft weibliche Diplomatie inzwischen meist besser als autoritäres Maestro-Gehabe. Die Leonard-Bernstein-Schülerin Marin Alsop, Chefdirigentin des Bornemouth Orchestra, versichert sich auch bei Proben immer wieder ausdrücklich der „Hilfe“ der Orchestermitglieder – „Blechbläser, können Sie mir helfen?“ Sie betont, dass „mindestens 50 Prozent ihrer Arbeit Psychologie ist, die erreichen soll, dass die Musiker ihr Bestes geben.“

Die deutsche Nachwuchsdirigentin Judith Kubitz, erste Kapellmeisterin des Staatstheaters Cottbus, hebt ihre sachliche Einstellung hervor: „Wenn die erste Probe beginnt, wird man natürlich gemustert, getestet. Doch dabei geht es ausschließlich darum herauszufinden, ob man zusammen Musik machen kann.“

Was sich danach zu bewähren hat, ist Führungskraft, die über das rein Mechanische und Perfekte der Musikausübung hinausgeht. Der Schlag muss nicht nur exakt sein, sondern die Strahlkraft haben, die jeden einzelnen Musiker motiviert. „Kommunikation auf direktem Wege“, über den Augenkontakt, ist für Catherine Rückwarth, Generalmusikdirektorin am Staatstheater Mainz, nicht weniger wichtig. Denn nicht zuletzt ist es der beschwörende Blick, der das gemeinsame Erlebnis der Musik fördert.

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