Vor 90 Jahren
Als die Weimarer Republik zu ihrem Namen kam

Fernab von den Straßenkämpfen und Revolutionsreden in Berlin, konstituierte sich vor 90 Jahren in Weimar die erste deutsche Nationalversammlung. Die Weimarer Republik war geboren und sollte bald auf tragische Weise untergehen. Ihren Namen verdankt sie nur einem Zufall.

WEIMAR. Der Stolz auf die erste deutsche Republik hält sich in Grenzen. Das Debakel ihres Scheiterns und die Katastrophe der 12 Jahre danach lasten seit jeher schwer auf der Erinnerung an die Weimarer Republik. Ihren Namen erhielt sie vom Ort, an dem die verfassunggebende Nationalversammlung am 6. Februar 1919 zusammentrat.

423 Abgeordnete – darunter erstmals 37 Frauen – versammelten sich an diesem Tag im festlich geschmückten Saal des Weimarer Nationaltheaters. Den am 19. Januar gewählten Parlamentariern war schnell klar, dass sie im revolutionär aufgewühlten Berlin nicht die Ruhe für die Erarbeitung der Verfassung finden konnten. In Berlin war es im Januar zu heftigen Straßenkämpfen gekommen, als die Kommunisten im sogenannten Spartakusaufstand versuchten, nach dem Vorbild der russischen Oktoberrevolution die Macht zu übernehmen. Die provisorische Reichsregierung unter Friedrich Ebert (SPD) hatte deshalb beschlossen, die Nationalversammlung aus Berlin in die Provinz zu verlegen.

Zur Ehre des Sitzungsortes kam Weimar mehr oder minder zufällig. „Die Entscheidung fiel aus Sicherheitsgründen. Die Stadt war mit einer überschaubaren Zahl von Soldaten zu schützen“, sagt der Jenaer Historiker Stefan Gerber. Ein weiteres Argument war die zentrale Lage. Weimar als Hort des Humanismus spielte dagegen eine untergeordnete Rolle. Die betonte erst nachträglich der am 11. Februar zum Reichspräsidenten gewählte Ebert, als er in der Debatte den Bogen vom Weltbürgertum Goethes zur Republik zog.

Die Volksvertreter einigten sich in den folgenden Monaten auf eine demokratische Verfassung, die das Volk zum Souverän erhob: „Alle Macht geht vom Volk aus.“ Einige Artikel der Weimarer Verfassung, nämlich diejenigen, die die Religionsfreiheit und die Beziehungen zu den christlichen Kirchen betreffen, sind noch heute im Grundgesetz enthalten. Der entscheidende Unterschied ist allerdings die fast nur noch repräsentative Rolle des Bundespräsidenten. Der Reichspräsident der Weimarer Verfassung dagegen konnte unter gewissen Bedingungen mit „Notverordnungen“ selbst regieren und den Reichskanzler ohne Zustimmung des Reichstags bestimmen. Eberts Nachfolger als Präsident, der greise Feldmarschall Paul von Hindenburg, wurde dadurch in der Endphase der Republik zum Spielball einer Kamarilla. Dies begünstigte auch die Machtübernahme der Nationalsozialisten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg distanzierten sich die Regierungen im geteilten Deutschland von Weimar. Die DDR-Ideologen sahen in den Politikern vor 1933 Steigbügelhalter für die Nazis, im Westen beschwor der vielzitierte Satz „Bonn ist nicht Weimar“ des Schweizer Publizisten Fritz René Allemann die Distanz. Die Gründerväter der Bonner Republik waren geprägt von den Erfahrungen der 20er- und 30er-Jahre. „Weimar“ war das Symbol des Scheiterns der Demokratie als Staatsform, das sich nie wiederholen sollte. Heinrich August Winkler und andere Historiker der Gegenwart prägten die bekannte Formel von der „Demokratie ohne Demokraten“.

Allmählich ist jedoch ein Sinneswandel festzustellen: „Jetzt erkennen wir auch die Leistungen dieser Zeit an“, sagt Gerber. „Die Historiker betrachten mehr und mehr die Wirkungen der Weimarer Zeit und der Verfassung und nicht mehr nur ihre Konstruktionsfehler.“ Zu den Erfolgen zählt er das Frauenwahlrecht, die parlamentarische Ordnung und die Grundrechte.

Zum 90. Jahrestag am Freitag hat Weimar nun erstmals ein stattliches Programm mit Politprominenz (unter anderem Außenminister Frank- Walter Steinmeier) zusammengestellt. „Chancen einer Republik“ heißt die dazugehörige Sonderausstellung, die die Nationalversammlung und die durch sie begründete Republik nicht als Vorgeschichte des Nationalsozialismus, sondern als „Nachgeschichte des Kaiserreichs, des Ersten Weltkriegs, der Revolution und der Fürstenabdankung“ darstellen will.

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