Walker Evans
Meister des dokumentarischen Blicks

Walker Evans hatte ein Auge für die Lebensumstände von Menschen. Das spiegelt derzeit in Berlin eine Ausstellung mit 200 Motiven aus dem Werk des amerikanischen Fotografen wieder.
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BerlinWas tun, wenn man um 1930 als professioneller Fotograf die Studiofotografie mit ihren Posen und Konventionen hasst? Wenn man stattdessen viel lieber den puren Alltag einfangen möchte, unverstellt, rau, authentisch? Der US-Fotograf Walker Evans, dem im Martin Gropius-Bau  (www.gropiusbau.de) in Berlin gerade eine Werkschau gewidmet ist, hat seine Abneigung gegen die inszenierte Fotografie im Atelier wiederholt zu Protokoll gegeben. Um dem damaligen Dogma zu entkommen, entwickelte er im Zuge seiner 50 Jahre umfassenden Laufbahn immer neue Strategien.

Eine ging so: Er setzte sich in die New Yorker U-Bahn, versteckte seine 35-Millimeter-Kamera unter dem Mantel und ließ das Objektiv unauffällig zwischen den Mantelknöpfen hervorschauen. Im Ärmel hielt er einen Drahtauslöser, den er auf Verdacht bediente, wenn ein geeignetes Fotoobjekt auf der Bank gegenüber Platz genommen hatte.

So entstand Ende der 1930er-Jahre nach und nach und mit viel Geduld die Serie „Subway-Portraits“. Es sind Bilder von Menschen aller sozialer Schichten und Bevölkerungsgruppen, die zumeist gedankenverloren vor sich hin blicken. Frei von der leisesten Ahnung, fotografiert zu werden. Frei von jeglicher Pose.

Einige dieser „Subway“-Aufnahmen zählen zu den Höhepunkten der Einzelausstellung, die nach Berlin auch in Köln, Amsterdam und Linz zu sehen sein wird. Organisiert wurde die Schau mit rund 200 Silbergelatineabzügen von der Photographischen Sammlung der SK Stiftung Kultur, einer Stiftung der Stadtsparkasse Köln. Die Exponate entstammen überwiegend aus der Sammlung der Fotografen und Dokumentarfilmer Joan und Clark Worswick aus Kalifornien und decken alle Werkphasen von 1928 bis 1973 ab.

Chronist der Depression

In die Geschichte der Fotografie ist Evans vor allem als Chronist der Depressionsjahre nach der Weltwirtschaftskrise von 1929 eingegangen. Diese Bilder aus dieser Zeit dürfen wohl in keiner Schau fehlen. Sie sind unter anderem im Auftrag der US-Behörde Farm Security Administration (FSA) entstanden und sollten die grassierende Armut und die erbärmlichen Lebensbedingungen im Süden der USA dokumentieren. Die Bilder rüttelten ganz Amerika auf.  Evans fotografierte Arbeitslose im French Quarter in New Orleans.

Er richtete seinen sachlichen, aber niemals unterkühlten Blick auf  Kinder, die unter elenden Umständen aufwuchsen. Und er hielt mit der Kamera die armseligen Wohnhäuser fest, die an den Rändern der Städte aus dem Boden gestampft wurden. Aus dem Material, das er 1936 in den Siedlungen der Baumwoll-Pächter in Alabama sammelte, publizierte er 1941 gemeinsam mit dem Schriftsteller James Agee den Band „Preisen will ich die großen Männer“. Er gilt bis heute als eines der einflussreichsten dokumentarischen Bücher des 20. Jahrhunderts.

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