Warum gerade „Wozzeck“?
Vormarsch der Moderne

Was bieten die Opern in der neuen Saison? Wagner, Verdi, Mozart und viel Musik des 20. Jahrhunderts.

Es wird eine spannende Opernsaison. Das Publikum muss in der Spielzeit 2003/2004 zwar keineswegs auf Lieblingsopern wie „Zauberflöte“, „La Traviata“ und „Rosenkavalier“ verzichten. Doch die Oper des 20. Jahrhunderts ist stark auf dem Vormarsch, und das gilt nicht nur für große, sondern auch für kleine und mittlere Häuser.

Einer der Leuchttürme der Saison wird Alban Bergs „Wozzeck“, der in Aachen, Berlin (Komische Oper), Dresden, Dortmund, Essen und Münster neu ins Repertoire kommt. Die spannendsten Neuinszenierungen versprechen die von Christine Mielitz (Dortmund) und Johannes Schaaf (Essen) zu werden: ein Kräftemessen an der Ruhr, das von mangelnder Abstimmung zeugt.

Warum gerade „Wozzeck“? 78 Jahre nach der Berliner Uraufführung hat dieses Hauptwerk Alban Bergs die Statur eines Klassikers erreicht. Die Verbindung von aufwühlender Dramatik mit musikalischer Formstrenge, starke, stimmlich und psychologisch anspruchsvolle Rollen, der Wechsel von freier Tonalität und Atonalität – das sind die Wegweiser dieses Hauptwerks des neueren Musiktheaters, das inzwischen auch von einem konservativen Opernpublikum als „klassisch“ akzeptiert wird.

Der Aufstieg Alban Bergs in den Olymp der Opernklassiker wird auch durch eine starke Präsenz seiner letzten Oper „Lulu“ unterstrichen, die in der neuen Spielzeit in Hamburg, Frankfurt, München und Bonn inszeniert wird. München (Regie: David Alden), Bonn und Frankfurt bieten die 1979 von Friedrich Cerha komplettierte dreiaktige Fassung. Nur Peter Konwitschny kehrt in Hamburg (Premiere am 9.11.) zu der zweiaktigen Originalkomposition zurück, in der die letzten Etappen des Abstiegs der Heldin in Paris und London ausgespart sind.

Bergs Lehrer Arnold Schönberg steht mit seinem Hauptwerk „Moses und Aron“ am 4. April auf dem Programm der Berliner Staatsoper (in der Regie des Hausherrn Peter Mussbach, dirigiert von Daniel Barenboim): ein Fixpunkt der Spielzeit. Flankiert wird der Aufbruch ins 20. Jahrhundert mit Neuinszenierungen von Opern E.W. Korngolds („Die tote Stadt“ an der deutschen Oper Berlin), K.A. Hartmanns („Simplizissimus“ in Stuttgart) und Hans Werner Henzes („Elegie für junge Liebende“ an Berlins Komischer Oper).

Neben Alban Berg bleibt Leos Janacek eine der Säulen des Repertoires. Nachdem in früheren Jahren sein Hauptwerk „Jenufa“ geradezu totgeritten wurde, gibt es jetzt Neuinszenierungen der „Katja Kabanowa“ in Antwerpen, Frankfurt, Genf und Gent, wo Robert Carsen diese tragische Lichtgestalt am 3. Februar 2004 auf die Bühne der Flämischen Oper bringt. In Stuttgart inszeniert Hans Neuenfels das Spätwerk „Die Sache Makropoulos“ (24. Januar 2004), und Nikolaus Lehnhoff folgt ihm im Juni an der Deutschen Oper Berlin in der Aktualisierung dieses Spätwerks.

Einige Wellen hat der Opernbetrieb der letzten zehn Jahre verkraftet. Dazu gehörte der globale Wagner-Boom, der in zahllosen Neuinszenierungen des „Rings“ von München bis Meiningen gipfelte. In der neuen Saison wird der Zyklus in Dresden und Lüttich fortgesetzt, in Köln vollendet Robert Carsen am 19. Oktober seine interessante postindustrielle Deutung mit der „Götterdämmerung“. Nach dem „Ring“-Fieber gewinnen jetzt die „Meistersinger“ an Boden, die noch immer unübertroffen in Konwitschnys Hamburger Musterinszenierung auf dem Spielplan stehen. Jetzt wagen sich in Zürich Nikolaus Lehnhoff (25.11.) und in München Thomas Langhoff (29.6.04) an diese deutscheste aller Nationalopern.

Die Verdi-Rezeption konzentriert sich in einmütiger Geschmackspflege auf den „Don Carlo“, der in Amsterdam, Dresden, Berlin (Komische Oper), Münster bezeichnenderweise jeweils in der süffigeren vieraktigen Fassung ins Programm gehoben wird. Mit der „Sizilianischen Vesper“ widmet sich die Zürcher Oper im Mai nächsten Jahres einem selten aufgeführten Werk aus Verdis mittlerer Periode.

Bei Mozart, der in dieser Spielzeit weniger stark präsent ist, begegnet uns zweimal das Team Ursel und Karl-Ernst Herrmann, die sowohl in Amsterdam (4.3.04) als auch in Genf (7.5.04) einen neuen „Idomeneo“ inszenieren und ausstatten. Eine neue Lesart der „Zauberflöte“ wird uns Peter Konwitschny bescheren, der den Mozartschen Dauerbrenner im März in Stuttgart auseinander nehmen wird.

Richard Strauss eröffnet und beendet die Spielzeit der Pariser Nationaloper. Die Opéra Bastille geht mit der von Lev Dodin inszenierten „Salome“ am 23.9. in die neue Saison, am 16. Juni beenden sie der Regisseur Robert Carsen und der Berliner Dirigent Christian Thielemann im Palais Garnier mit „Capriccio“ – Renee Fleming singt die Gräfin. Die „Salome“ beendet am 15. März 2004 die Spielzeit der Metropolitan Opera (Regie: Jürgen Flimm, Titelpartie: Karita Mattila).

Die Barockoper wird in der neuen Saison nicht mehr so stark vertreten sein wie in den letzten Jahren. Einige wenige Lichtblicke sind die Fortsetzung des Monteverdi-Zyklus in Düsseldorf mit der „Krönung der Poppäa“ in der dramatischen Handschrift von Christof Loy (7.3.04) und die interessante Wiederbelebung von Reinhart Keisers 1726 entstandener komischen Oper „Der lächerliche Prinz Jodelet“ (22.2.04).

Was wäre die Saison ohne Programmraritäten und Uraufführungen? Die wichtigste Uraufführung offeriert Paris mit Matthias Pintschers Rimbaud-Oper „L’Espace dernier“ am 23. Februar (Opéra Bastille), die sich von den Gedichten des früh vollendeten „Poète maudit“ inspirieren lässt.

Weniger aufwendig wird die dem Minnesänger „Wolkenstein“ gewidmete gleichnamige Oper von Wilfried Hiller und Felix Mitterer, die im März im Nürnberger Opernhaus uraufgeführt wird. „Die Todesbrücke“, eine Kammeroper des Luxemburgers Alexander Müllenbach, die eine Liebesutopie mit der Belagerung von Sarajevo verbindet, präsentiert das Gelsenkirchener Musiktheater im Revier, das mit Offenbachs „Banditen“, Cole Porter, „Parsifal“ und Donizettis „Rosmonda D’Inghilterra“ einen der anspruchsvollsten Spielpläne bietet.

Fazit: meist beleben die kleineren und nicht gerade hochsubventionierten Häuser eine als kulinarisch verschriene Gattung neu.

Quelle: Handelsblatt

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